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Bistum Dresden-Meißen

Ende voller Schrecken

Das Kriegsende im Bistum Meißen

Bautzen - Der Zeitpunkt des Kriegsendes war für die Katholiken im Bistum Meißen ebenso verschieden wie dessen Begleitumstände. Mit den Einheimischen warteten Flüchtlinge aus dem Osten und westdeutsche Evakuierte auf das Ende des Krieges.

Die Kämpfe auf sächsischem Territorium tobten seit Mitte April 1945. Mit der Kapitulation der Reichsregierung am 8. Mai war nicht nur das offi zielle Ende des Zweiten Weltkriegs erklärt worden. Nun zog sich für einige Wochen quer durch Sachsen die Grenze zweier Besatzungsgebiete. Damit war aber auch die Bistumsleitung im Osten Sachsens vom Archipresbyterat Leipzig, vom thüringischen und Teilen des südwestsächsischen Bistumsgebiets für eine gewisse Zeit abgeschnitten, weil diese bis Anfang Juli 1945 amerikanisch besetzt blieben.

Selbst innerhalb der sowjetischen Besatzungszone war die Kommunikation zwischen Ordinariat und Ortskirchen anfänglich unterbrochen. Für einen solchen Fall hatte das Ordinariat schon im Februar 1945 Anweisungen gegeben und dem Klerus besondere Vollmachten verliehen, wobei der Grundsatz bestimmend war, dass "der Hirt bei der Herde zu bleiben hat". Das galt auch für die Pfarrer aus den östlich der Neiße gelegenen Pfarreien Grunau, Königshain, Reichenau und Seitendorf. Während einer 1947 ausgewiesen wurde, belegen die Anschriften der anderen drei noch 1948 ihr Bleiben. (...) Insgesamt wurden durch die neue östliche Grenzziehung vier Dörfer mit eigenen Pfarreien vom Bistum abgetrennt, die erst 1972 offi ziell an das Erzbistum Breslau abgetreten wurden.

In Bautzen waren die Vorboten der herannahenden Truppen schon ab Februar 1945 spürbar, so dass ein reges Packen, Verstecken und Auslagern aller wichtigen Einrichtungsgegenstände, Wertsachen, Akten usw. begann. Die Kämpfe um Bautzen, das als Ortsstützpunkt mit Festungscharakter bis zum Schluss verteidigt werden sollte, dauerten mehr als eine Woche und endeten mit der schweren Verwüstung der Stadt. Der Bischof und seine Mitarbeiter verbrachten die Zeit der ersten Kämpfe vom 18. bis 21. April noch im Domstift und den anderen Kapitelshäusern bzw. in deren Kellern. Diese befanden sich entlang der Straße "An der Petrikirche", deren Verlängerung "Schloßstraße" direkt zur von der SS besetzten Ortenburg führte und damit die lokale Frontlinie bildete.

Am 22. April wurden die Männer von sowjetischen Soldaten aus den Kellern der Domstiftsgebäude geholt und durch die Stadt getrieben. Dem Bischof wurden Bischofskreuz und -ring abgenommen. Ordinariatsrat Hötzel bekam fünf Minuten lang einen sowjetischen Revolver auf die Brust gesetzt, bevor der Soldat lachend davon lief; die deutschen Zivilisten wurden aus der Innenstadt verwiesen. Einige, unter anderem der Bischof, fanden im nahe gelegenen Franziskanerinnenkloster Aufnahme, aus dessen umliegenden Häusern ihnen schon Frauen mit den Horrormeldungen über sowjetische Soldaten weinend entgegenliefen. Die Ordensschwestern selbst waren aus dem Kloster in ein Lager vertrieben worden, aus dem sie zwei Tage später, nachdem die Deutschen den Stadtteil erobert hatten, heimkehrten. Andere fanden in der Liebfrauenkirche Unterschlupf. Zwei Domkapitulare mussten im Kampfgebiet der Innenstadt bleiben und wurden zu Kriegsarbeiten herangezogen, wobei einem von ihnen, Domkapitular Heduschke, der rechte Unterarm durchschossen wurde.

Gut erholter Bischof

Am 25. April konnte der Bischof zum Domstift zurückkehren -sein Haus war inzwischen abgebrannt -doch am 4. Mai wurde ein allgemeiner Räumungsbefehl für die Stadt erlassen, weshalb die Ordinariatsmitarbeiter nach Schirgiswalde flüchteten.

Die abschließenden Kämpfe hatten im gesamten Bistumsgebiet noch verschiedentlich materiellen Schaden bereitet; unter anderem ging das Priesterseminar in Schmochtitz in Flammen auf. Die Geistlichen wurden zwar weitgehend von persönlichen Übergriffen verschont, aber bei den sinnlosen "Endkämpfen" ließen noch viele Katholiken ihr Leben. In Goppeln bei Dresden wurde die Generaloberin der Nazarethschwestern, M. Augustina, am 8. Mai 1945 von einem sowjetischen Soldaten erschossen. Die Eindringlichkeit dieser Kämpfe spiegelt sich auch darin wider, dass sie wiederholt in den Pfarrchroniken geschildert wurden. Anders als oft in den Jahren zuvor wurde von den meisten Katholiken der Krieg kurz vor seinem Ende noch einmal als Lebensbedrohung erfahren.

Der Bischof blieb vorerst im Exil in Schirgiswalde und kam nur zu Fronleichnam und dem Tag des Bistumspatrons Benno für die Feierlichkeiten in den Bautzener Dom. Erst am 26. Juni kehrte Legge endgültig und nach eigenen Angaben "bestens erholt" nach Bautzen zurück. Weshalb er nicht als erster gemäß seiner Anweisungen an die Pfarrer als "Hirt zu seiner Herde" zurückeilte, ist aus der Retrospektive unerklärlich. Die meisten Mitarbeiter des Ordinariats waren schon am 10. Mai nach Bautzen heimgekehrt und begannen mit den Aufräumarbeiten. Sie nahmen sofort nach ihrer Rückkehr Kontakt zur sowjetischen Stadtkommandantur und zum Oberbürgermeister von Bautzen auf. Daraufhin wurde ihnen am 11. Mai seitens der Ortskommandantur der Schutz des kirchlichen Eigentums und der Person des Bischofs zugestanden. Dabei benannte der Kommandant als zentrale Aufgaben der katholischen Kirche in Bautzen "die Wiederherstellung des kirchlichen Lebens und der Gottesdienste wie vor 1933, die kirchliche Bestattung der Gefallenen sowie die Einrichtung eines katholischen Krankenhauses mit Schwestern in Bautzen. Für die domstiftlichen Gebäude hatte der Stadtkommandant ein Schutzschreiben ausgestellt, doch zur Verhinderung von Plünderungen mussten die Mitarbeiter und Bewohner Wachdienste einrichten.

Anfangs wenig Unterschiede

Am 25. Mai machten die Domkapitulare Hötzel und Palm den Antrittsbesuch bei der Ortskommandantur. Einerseits bedankten sie sich für den gewährten Schutz, andererseits drangen sie im Namen des Bischofs ausdrücklich auf die Beendigung der Vergewaltigungen und Plünderungen. Das Abhalten von Gottesdiensten und die generelle kirchliche Arbeit wurden im Ordinariatsrundschreiben, das die Pfarreien im Stadt- und Landgebiet Bautzen über das Gespräch informierte, sogar als "dringender Wunsch des Kommandanten wie der Besatzungsbehörde" dargestellt.

(...) In religiöser Hinsicht zeigte sich die sowjetische Besatzungsmacht erkennbar tolerant: So wurden in Bautzen sowohl die Genehmigung einer öffentlichen Fronleichnamsprozession erteilt, wie auch generell die Gottesdienste möglich und trotz nächtlicher Sperrstunden Versehgänge von Priestern ("sofern sie den Talar tragen") erlaubt. Diese -wenn auch lokale -Regelung zeigt eine dezidierte Großzügigkeit in kultischen Fragen, wobei der pastorale Bewegungsfreiraum der Kirche zu diesem Zeitpunkt in der sowjetischen Zone keinen größeren Einschränkungen als im amerikanisch besetzten Teil Sachsens unterlag. (...) Am 11. Juni 1945 nahm die Bistumsverwaltung, offi ziell wieder ihre Arbeit auf, nachdem die nötigsten Aufräumarbeiten beendet waren.


Informationen

Die Autorin leitet das Domarchiv in Bautzen. Der Beitrag ist ihrer Dissertationsschrift "Diktatur und Diaspora. Das Bistum Meißen 1932 - 1951" entnommen;
Schöningh-Verlag, Paderborn 2005, 725 Seiten, ISBN 3-506-71799-5, 88 Euro.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 17 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 28.04.2005

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