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Bistum Dresden-Meißen

Das Evangelium ins Sächsische übersetzen

Der Erfurter Bischof Joachim Wanke zu Gast im Leipziger Leibnizforum

Leipzig - Während eines Vortrags in der Leipziger Stadtbibliothek ermutigte der Erfurter Bischof Joachim Wanke seine christlichen Zuhörer, das "Licht des Evangeliums" in die gesellschaftliche Wirklichkeit "einfallen" zu lassen.

Trotz des negativen Untertons, der beim Wort "Missionieren" mitklingt: Christen sollten sich bewusst sein, dass es nicht in erster Linie darum geht, Kirchenmitgliedszahlen zu erhöhen, sondern darum, eine wesentliche Grundbestimmung des Christund Kircheseins wieder zu gewinnen. "Wir sind Christen nicht für uns selbst!", betonte Bischof Wanke. Es komme darauf an, alle menschlichen Wirklichkeitsbereiche "einfärben zu lassen von dem Licht, das von oben kommt".

Nicht mit der Kirche sollten die Christen werben, sagte der Bischof, sondern mit dem ihr anvertrauten "Produkt", dem Evangelium. Die frohe Botschaft der Bibel verändere Herzen und gesellschaftliche Situationen. Wichtig sei es dafür, das Evangelium gewissermaßen zu übersetzen in die konkrete Lebenssituation der Menschen, die hier und heute leben.

Christen sollen ihren Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen, in einem Verhältnis existenzieller Solidarität. Sie seien nicht besser, hätten es aber besser als ihre Mitmenschen. Bischof Wanke nannte einige beispielhafte Erfahrungsbereiche, die er für besonders geeignet hält, "Resonanzraum für die frohe Botschaft" zu schaffen: Die Feier von Gottesdiensten, die österliche Lebenssicht ausstrahlen, kann in seinen Augen ebenso ein "Brückenkopf des Evangeliums" sein wie das Engagement in Hospizgruppen, die Begegnung mit christlicher Kultur und Geschichte bei Geschichtsausstellungen, Tagen des offenen Denkmals und geistlichen Konzerten, die Einladung zu Totengedenkfeiern, die Sehnsucht nach Freiheit oder das Bemühen um glückliche Beziehungen. Viele Zeitgenossen seien dem Evangelium gegenüber aufgeschlossen, schätzt Bischof Wanke ein. Sie hegten aber die Befürchtung, mit einer religiösen Bindung ihre Autonomie zu verlieren. Seine eigene Erfahrung stehe dem völlig entgegen, bezeugte Wanke: Die Bindung an Gott führe zu einer umfassenden und tiefen Freiheit. Das Bewusstsein geliebt zu werden, mache nicht passiv, sondern in höchstem Sinne aktiv. In der Diskussion im Anschluss an seinen Vortrag sträubte sich der Bischof denn auch gegen den Begriff "kirchlich gebunden" und schlug stattdessen "kirchlich freigesetzt" vor.

Durch ihr persönliches Glaubenszeugnis könnten Christen in ihren Mitmenschen "etwas lostreten, was in ihnen eine Bewegung auslöst, sie dazu bringt, sich selbst in Bewegung zu setzen". Dies setze keinesfalls einen "100-prozentigen Heiligenschein" voraus: Schließlich könne auch ein Kranker anderen Kranken sagen, wo für ihn Hilfe zu finden ist.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 21.04.2005

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