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Bistum Magdeburg

Freier Wille oder Biochemie

Ein Interview über die menschliche Entscheidungsfreiheit

Mit wohl den allermeisten Menschen hält Psychotherapeut Dr. Piskorz grundsätzlich an der Entscheidungsfreiheit des Menschen fest.

Halle- Im März fand in Halle ein Symposium mit Vertretern von Psychotherapie, Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften statt. Thema: Wie entscheidungsfrei ist der Mensch? Damit wurde eine derzeit in der Fachwelt wieder stark diskutierte Frage aufgegriffen. Der TAG DES HERRN sprach mit Initiator Dr. Johannes Piskorz, Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara.

Herr Dr. Piskorz, Sie haben das kürzlich mit der Katholischen Akademie des Bistums durchgeführte Symposium "Angefochtene Freiheit -wie entscheidungsfrei ist der Mensch wirklich?" überschrieben. Sind wir Menschen gar nicht Herr unserer selbst, wie es Hirnforscher behaupten?
Natürlich -und das ist eine Binsenweisheit -benötigen wir das Gehirn, um denken, wollen und entscheiden zu können. Die Geister scheiden sich an der Frage, ob diese genannten Prozesse vom Gehirn selbst ausschließlich gesteuert beziehungsweise gemacht werden, also letztlich biochemische Vorgänge im Gehirn sind. Dieser Ansicht sind eine Reihe von Hirnforschern, genannt seien hier Wolf Singer und Gerhard Roth. Die andere Gruppe, vor allem Philosophen, Theologen, Rechtswissenschaftler und nicht zuletzt Psychotherapeuten, geht davon aus, dass der freie Wille etwas ist, was letztlich auf einer dem Gehirn übergeordneten Ebene arbeitet.
Wie kommt es zu der Aufassung der Hirnbiologen, der Mensch könne nicht frei entscheiden?
Der amerikanische Hirnforscher Benjamin Libet stellte vor zirka 25 Jahren fest, dass bei einem von ihm durchgeführten Versuch im Gehirn bereits bioelektrische Vorbereitungen für eine Handlung stattfanden, bevor die Versuchsperson den Entschluss für diese Handlung selbst wahrgenommen hatte. Daraus folgerten Hirnforscher, dass nicht der Mensch, also sein Wille, dem Gehirn gleichsam Aufträge erteilt, sondern dass das Gehirn vorgibt, was der Mensch wollen wird. Allerdings bestand für die Versuchsperson die Aufgabe lediglich darin, einen Hebel immer wieder frei gewählt nach links oder rechts umzulegen.
Was sagen Sie als Psychotherapeut dazu?
Mit vielen anderen meine ich, dass da wohl die berühmten Äpfel mit Birnen verglichen werden. Bei Libet hatte die Versuchsperson grundsätzlich Ja zum Versuch gesagt es ging nur noch um letztlich unwichtige "Kleinigkeiten". Bei unseren Entscheidungen im Leben hingegen erwägen wir tage- oder wochenlang Gründe für die anstehende Problemlösung. Übrigens hat sich erst kürzlich Libet selbst gegen die allzu weitreichenden Schlussfolgerungen aus seinen Experimenten gewandt.
Als Psychotherapeut glauben Sie also weiter an den freien Willen des Menschen?
Im Grundsatz ja. Das belegen schon die Alltagserfahrungen, von denen auch die Philosophen, Juristen und viele andere ausgehen. Vielleicht ist aber in der Vergangenheit auf dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes oft die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen überbetont worden. Andererseits machte sich zum Beispiel schon Thomas von Aquin angesichts der Lehre vom Eingebettetsein des menschlichen Willens in den göttlichen Willen über die Frage der Freiheit Gedanken, wie weit der Mensch für sein Tun verantwortlich gemacht werden könne.
Die Frage nach der freien Entscheidung betrifft nicht nur die Psychotherapie, sondern genauso die Rechtsprechung, die Pädagogik und die christliche Theologie, wenn etwa Jesus sagt: Kehrt um und glaubt ...
Durchaus. Bestimmt nur die biochemisch-bioelektrische Verschaltung der Gehirnzellen unser Wollen, dann ist der Mensch determiniert, also festgelegt. Was Religionen, philosophische Schulen und natürlich die Psychotherapie anzielen, ist aber eine Neuentscheidung des Menschen. Und die ist nur möglich, wenn dem Menschen trotz aller vorstellbaren Einschränkungen doch das bleibt, was wir einen freien Willen nennen. Diese Ansicht wird übrigens von Wissenschaftlern unabhängig vom religiösen Hintergrund geteilt. Wir hatten deshalb zu unserem Symposium Wissenschaftler eingeladen, die keineswegs nur auf einem religiösen Hintergrund argumentieren.
Bei Ihren Symposien, es war diesmal bereits das dritte, geht es stets um das interdisziplinäre Gespräch ...
Viele andere und auch ich machen die Erfahrung, dass es im therapeutischen Alltag Themenfelder gibt, die immer mitschwingen, über die aber kaum und schon gar nicht fächerübergreifend gesprochen wird: Hat mein Leiden etwas mit meinem Leben zu tun? Gibt es letzte Hoffnung? Wie steht es um Schuld und wer kann sie mir vergeben? sind solche Fragen. Diesmal ging es darum: Wenn die genannte Gruppe von Hirnforschern Recht hat, dann ist Psychotherapie vielleicht sinnlos. Aber auch moralisches Handeln kann nicht eingefordert werden. Indem wir ausgewiesene Fachleute als Referenten und Teilnehmer aus den verschiedenen Fachbereichen einladen, wollen wir Informationen anbieten und das Gespräch anregen.
Sind Sie mit der Resonanz zufrieden?
Sogar sehr. Immerhin besuchten bisher jeweils 120 bis 180 Teilnehmer unsere Symposien. Freilich, die Teilnahme von Seelsorgern beider Konfessionen fiel erstaunlich gering aus.
Wie steht es grundsätzlich um das Verhältnis zwischen Psychotherapie und Seelsorge?
Besser als noch vor Jahrzehnten. Seitens der Seelsorge scheint mir die Offenheit mittlerweile sogar deutlich größer zu sein als von der sich eher im zögernden Abtasten begriffenen Psychotherapie. Für schwierig und derzeit noch wenig diskutiert halte ich die Frage der Abgrenzung der Arbeitsbereiche beim konkreten Menschen, der Hilfe sucht.
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 14 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 08.04.2005

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