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Auf zwei Minuten

Immer noch offen

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Etliche Zeitungen, Zeitschriften und Magazine führen regelmäßig "Frage- Antwort-Spiele" durch. Sie stellen bekannten Persönlichkeiten aus allen Bereichen und Schichten der Gesellschaft Fragen, die möglichst ganz kurz in einem Satz beantwortet werden sollen. Beispiele: Was ist Ihr Lieblingsgericht? Ihr liebstes Hobby? Ihr Lieblingsschriftsteller? Welche Eigenschaft an Ihnen selbst schätzen Sie am meisten? Was treibt Sie an? Auf welche Leistung sind Sie besonders stolz? Ihre Lieblingsfigur in der Geschichte? -Ich selbst könnte diese Fragen gar nicht so schnell und präzise beantworten.

Manchmal wird auch die "Gretchenfrage" aus Goethes "Faust" gestellt: "Nun sag, wie hast du's mit der Religion?" Ein bekanntes christliches Magazin begründet seine Praxis so: "Frage-Antwort-Spiele haben nicht nur ihren eigenen Reiz, sie sind ein Gleichnis unseres eigenen Lebens, das selbst wie eine Frage, wie eine Antwort ist. Nach Religion, Glaube und Kirche allerdings wird selten gefragt. Ist es Scheu vor letzten Gewissensfragen? Oder ein Ausweichen?" Ja, unser ganzes Leben ist ein Fragen und Suchen, das in den verschiedenen Lebensabschnitten andere Formen annimmt. Wenn ich zurückdenke an die Zeit, als ich gerade das Abitur bestanden hatte: Damals kam ich mir sehr intelligent und unbekümmert vor, und meinte, auf viele Fragen die richtige Antwort zu haben. Im Laufe der Jahre aber erwies sich die Realität als viel komplizierter. Und auch die "christliche Glaubenswelt" zeigte sich nicht als abgerundetes und geschlossenes System. Antworten erwiesen sich als vorläufig und führten zu neuen, tieferen Fragen. Das ist eine ganz normale Entwicklung, die bis zu unserem Tode wohl nie an ein Ende kommt. Auch Altersweisheit spricht kein abschließendes Wort. Glaube und Glaubenswahrheiten sind nicht wie fester Besitz, an dem nicht gerüttelt werden kann. Der gläubige Mensch ist als Pilger immer unterwegs.

Ich fand ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz (1901 bis 1974), das den Gedanken des ständigen Unterwegseins und der Offenheit sehr gut darstellt: "Wenn er kommt, der Besucher, / Der Neugierige, und dich fragt, / Dann bekenne ihm, dass du keine Briefmarken sammelst, / Keine farbigen Aufnahmen machst, / Keine Kakteen züchtest, / Dass du kein Haus hast, / Keinen Fernsehapparat, / Keine Zimmerlinde, / Dass du nicht weißt, / Warum du dich hinsetzt und schreibst, / Unwillig, weil es dir kein Vergnügen macht. / Dass du den Sinn deines Lebens immer noch nicht / Herausgefunden hast, obwohl du schon alt bist. / Dass du geliebt hast, aber unzureichend, / Dass du gekämpft hast, aber mit zaghaften Armen. / Dass du an vielen Orten zu Hause warst, / Aber ein Heimatrecht hast du an keinem. // Dass du dich nach dem Tode sehnst und ihn fürchtest. / Dass du kein Beispiel geben kannst als dieses: / Immer noch offen."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 13 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 31.03.2005

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