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Auf zwei Minuten

Das göttliche Versteckspiel

von Pater Damian

Pater Damian Meyer Als Kinder haben wir gern so genannte Vexierbilder angeschaut. Man musste auf einer Zeichnung eine bestimmte Figur finden, zum Beispiel im dichten Astwerk eines Baumes einen Affen oder einen Frosch im Schilf eines Teiches. Manchmal war die Aufgabe schnell gelöst, aber oft war das zu suchende Objekt schwer auszumachen. Hatte man es einmal gefunden, genügte ein flüchtiger Blick, um es wiederzuerkennen.
In einem Gespräch über Gott und Glauben wurde ich gefragt: Wie kann man denn Gott überhaupt erkennen, wie ihn entdecken? Da fiel mir als Vergleich meine Erfahrung mit den Suchbildern ein: Gott hält sich in seinen Geschöpfen versteckt. Man kann ihn auf den ersten Blick nicht ausmachen. Man muss ihn suchen, um ihn zu finden. Beim Propheten Jesaja heißt es: "Wahrhaftig, du bist ein verborgener Gott" (Jes 45,15). Gott selbst hat uns eine Suchhilfe, einen Tipp gegeben: Er hat den Menschen als sein Abbild geschaffen (vgl. Gen 1,27). Da weiß ich, ich finde Gott am ehesten im Menschen. Wie bei den Vexierbildern gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Nicht alle Menschen machen es einem leicht, Gott in ihnen zu finden. Aber für das geübte Auge ist er in allen Menschen zu erkennen. Abbild Gottes zu sein, ist keine Frage der moralischen Qualität. Ein geübtes Auge findet Gott in allen Dingen, auch in einer Blume oder einer Ameise. Man muss ihn nur suchen und aufmerksam sein: "Sucht ihr mich, so findet ihr mich" (Jer 29,13).

Eine jüdische Geschichte erzählt: Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit einem anderen Knaben Versteck. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Weinend kam er in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgefährten. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: "So spricht Gott: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen".

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 28 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 11.07.2001

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