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Zwischen Beruf und Familie

Exerzitien im Alltag in Halle

Einmal in der Woche - am Freitagabend - trafen sich die Teilnehmer der Exerzitien im Alltag in Halle, um ihre Erfahrungen auszutauschen und neue Impulse für die nächste Woche mitzunehmen. Foto: Holluba

Halle - Exerzitien im Alltag erfreuen sich großer Beliebtheit. Besonders in der Fastenoder in der Adventszeit gibt es vielerorts entsprechende Angebote -beispielsweise in Halle.

"Das erste Mal habe ich mich aus reiner Neugier angemeldet", erzählt Erika Grothum. Und die Exerzitien im Alltag, die sie in der Adventszeit in der Offenen Kirche St. Moritz in Halle mitgemacht haben, haben ihr richtig gut getan. Erika Grothun sagt von sich selbst, dass sie sehr temperamentvoll ist. Arbeit, Familie und Ehrenamt nehmen sie stark in Anspruch. "Da tut es gut, mal zur Ruhe zu kommen", sagt sie. Und deshalb gehörte sie auch jetzt in der Fastenzeit wieder zu der kleinen Gruppe von sieben Frauen und einem Mann, die sich mit Exerzitien im Alltag auf das Osterfest vorbereitet haben.

"Exerzitien im Alltag gibt es etwa seit den 80er Jahren. Inzwischen sind sie zu einer bewährten Form des geistlichen Lebens geworden, berichtet Maristenschwester Margarete Woeste, die den Kurs in Halle leitet. Basis sind die Exerzitien, wie sie von Ignatius von Loyola entwickelt wurden (siehe Stichwort). Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede -vor allem aus ganz praktischen Gründen: "Äußerlich sind Exerzitien im Alltag nicht so intensiv wie ignatianische Exerzitien, bei denen man sich bis zu 30 Tage vom alltäglichen Leben zurückzieht", sagt die Ordensschwester. Bei Exerzitien im Alltag geht es ja gerade darum, das Christsein im ganz alltäglichen Leben, zu dem Arbeit und Familie gehören, umzusetzen.

Sich Zeit für sich selbst nehmen

Dass man auch im normalen Alltagsleben wichtige Erfahrungen für das geistliche Leben machen kann, das haben die Teilnehmer der Hallenser Gruppe festgestellt. "Gerade für Frauen mit Familie ist es ja oft nicht einfach, sich Zeit für sich selbst zu nehmen", sagt Inge Glatzel. Die Exerzitien im Alltag helfen ihr dabei, sich -neben aller äußeren Geschäftigkeit bei der Vorbereitung von Ostern -auch Zeit für die innere Vorbereitung zu nehmen. "Unser Alltag ist oft so laut und es herrrscht manchmal so ein reges Durcheinander. Da ist es gut, sich Zeit zu nehmen für ein Gebet oder für die Betrachtung einer Bibelstelle. Zu meinem Mann sage ich dann, ich gehe in meine Kammer. Und da lässt er mich auch in Ruhe", erzählt Inge Glatzel.

"Wichtig für Exerzitien im Alltag ist es, seinen Tag so zu ordnen, dass man sich täglich eine halbe bis eine Stunde Zeit für das Gebet nimmt", sagt Schwester Margarete Woeste. Diese Gebetszeit kann man sich so legen, wie sie einem am besten in den täglichen Ablauf passt. "Das bringt eine gewisse Ordnung in den Alltag und gibt Impulse für das geistliche Leben", berichtet Gisela Scholz. "Es ist ja nicht so, dass man sonst nicht betet, aber vielleicht nimmt man sich in dieser Zeit wieder etwas intensiver die Heilige Schrift zur Betrachtung vor." Von Zwang hält sie dabei allerdings nichts. Das Prinzip der Freiwilligkeit ist ihr wichtig.

Über ihre positive und negativen Erfahrungen können sich die Teilnehmer bei ihren wöchentlichen Treffen austauschen. Für Christina Pankalla ist gerade diese Gruppe eine wichtige Hilfe. Hier gibt es auch die Anregungen für die jeweils kommende Woche. Dabei geht es am Anfang vor allem um die Frage: Kann ich still werden? Dann spielen aber auch die eigenen Sehnsüchte und Wünsche eine Rolle. "Und schließlich geht es darum, die Spuren Gottes im eigenen Alltag zu entdecken", sagt Schwester Margarete Woeste.

Die größte Schwierigkeit ist die Stille

Die größte Schwierigkeit für Teilnehmer ist nach der Erfahrung der Ordensfrau dabei zunächst das Aushalten der Stille. Vor dieser Stille wegzulaufen, ist eine Reaktion. Aber es gibt auch verschiedene Übungen um diese innere Ruhe zu finden. Bei den wöchentlichen Treffen werden sie erklärt und geübt -sei es das langsame Gehen oder das bewusste Atemen, das richtige Sitzen oder das bewusste Singen eines Liedes.

Warum macht man Exerzitien im Alltag? "Manche Teilnehmer kommen aus Neugier. Andere wollen ihren Glauben vertiefen, einen neuen Sinn finden oder ihr Leben neu ordnen", berichtet Schwester Margarete Woeste. "Ich finde es wunderbar, dass Leute sich die Zeit nehmen und den Mut aufbringen, sich auf eine solche Übung einzulassen."

Dass sie das eigene Christsein bereichern, ist für die Schwester keine Frage: "Exerzitien im Alltag bieten die Möglichkeit, dass wir uns selbst vor Gott anschauen und uns fragen, welchen Platz Gott in unserem Leben einnimmt. " Und diese geistlichen Erfahrungen nehmen die Teilnehmer dann in ihren konkreten Alltag als ausstrahlende Bereicherung wieder mit, denn: "Je tiefer gläubig ein Mensch wird, desto mehr werden das auch andere Menschen merken."

Informationen zu entsprechenden Angeboten im Verbreitungsgebiet finden sie im Internet unter www.kathweb.de/termine



Hintergrund - Was sind Exerzitien?

Exerzitien sind spezielle geistliche Übungen, die auf den heiligen Ignatius von Loyola (1491-1556), den Gründer des Jesuitenordens, zurückgehen. Die Teilnehmer ziehen sich für eine bestimmte Zeit aus ihrem Alltag zurück, um in Gebet und Betrachtung sowie in der Feier der Eucharistie und des Bußsakramentes Antworten für die eigenen Lebensfragen zu finden.

Die Exerzitien des Ignatius dauern in ihrer Grundform vier Wochen, die nacheinander den Themen der Sünde, des Lebens und der Nachfolge des irdischen Jesu, des Leidens und Sterbens Jesu und als letztes seiner Auferstehung gewidmet sind. Neben der Teilnahme an der Eucharistie und zwei kürzeren Zeiten der Gewissenserforschung verlangt Ignatius von den Teilnehmern an seinen Exerzitien täglich fünf Stunden Gebet. Die Exerzitien finden im Schweigen statt.

Als Hilfe für sich selbst wie für andere, die später nach seinem Vorbild Exerzitien begleiteten, verfasste Ignatius unter dem Titel "Geistliche Übungen" ein Buch, das in einer sehr konzentrierten Sprache Hinweise zum gesamten Ablauf der Exerzitien wie zu den einzelnen Übungen enthält. Auch bei Ignatius gab es schon Exerzitien, die über mehrere Monate dauern, und bei denen die Teilnehmer ihrem normalen Alltag nachgehen und bestimmte Zeiten des Tages dem Gebet und der Betrachtung widmen. Daraus sind die heute weit verbreiteten Exerzitien im Alltag entstanden. Daneben gibt es viele weitere Formen, die Elemente der Exerzitien aufnehmen und mit anderen geistlichen Traditionen verbinden, beispielsweise dem benediktinischen Stundengebet. Dazu gehören auch Besinnungs- oder Meditationstage mit Elementen der christlichen Mystik oder der fernöstlichen Religionen (Zen, Yoga).

Im Internet gibt es zahlreiche Informationen zu Exerzitien: www.katholisch.de/beratung/seelsorge-von-a-z/exerzitien oder www.exerzitien.info (Exerzitienangebote und -informationen in Deutschland und Österreich). (tdh)

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 13 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 31.03.2005

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