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Der Mensch und die Religion

Ein Abend mit dem Soziologen Hans Joas

Erfurt (hos) -Zu einem spannenden und anregenden Abend mit Hans Joas hatten die Katholisch- Theologische Fakultät Erfurt und das Katholische Forum im Land Thüringen am 18. Januar dieses Jahres eingeladen. Thema der Veranstaltung war das neue Buch des in Erfurt und Chicago lehrenden Soziologen: Braucht der Mensch Religion? Über Erfahrungen der Selbsttranszendenz. In drei Teilen, die jeweils aus Vortrag und Diskussion bestanden, führte der Dekan des Max-Weber-Kollegs in Erfurt sein großes Auditorium in die Spannweite und Tiefendimension dieser Frage ein und überraschte mit neuen Thesen und lohnenswerten Denkansätzen.

Glauben und Nichtglauben als Erfahrungshorizonte

Seinen roten Faden entwickelte Joas zunächst am Beispiel von Erfahrungen und ihren Deutungen. So wies er eindrücklich nach, dass jede Erfahrung im Rahmen schon gemachter Erfahrungen ausgelegt wird. Für gläubige Menschen bedeute dies, dass sie ihre Erfahrungen vor dem Hintergrund ihres Glaubens interpretieren, für Nicht-Gläubige, dass sie ihre Erfahrungen vor ihrem jeweiligen weltanschaulichen Hintergrund deuten. Auf diese Weise komme es zu vielfachen Deutungen, die nebeneinander Bestand und aus sich heraus zunächst ihre Berechtigung hätten.

In einem zweiten Schritt setzte Joas sich mit dem Facettenreichtum des Begriffs "Säkularisierung" auseinander. Am meisten verbreitet sei die Annahme, dass Säkularisierung die abnehmende Bedeutung von Religion in einer Gesellschaft bezeichne.

Auch wenn es für die Stichhaltigkeit dieser Annahme Beweise gibt, zeigte Joas am Beispiel der USA, dass diese Annahme nicht stimmig ist. Weder könne man die USA als unreligiös noch als nicht säkularisiert charakterisieren. Wertete man diese Situation der USA bislang als Sonderfall, so verweist Joas jetzt darauf, Europa als Sonderfall zu betrachten.

Der Staatenvergleich und der Verlauf der Geschichte zeigen, dass offensichtlich dort, wo Kirche und Staat eine Art Fusion eingegangen sind, die Wahrscheinlichkeit, dass Religion bis in die Gegenwart von prägender Relevanz ist, geringer ist. Kritik am Staat habe sich auch gegen die Religion gerichtet.

Unter der Überschrift "Menschenwürde" erörterte Joas abschließend, was Wertbindung sei. Am Beispiel der Freundschaft legte er dar, dass man die Bindung zwischen Menschen nie greifbar begründen und erklären könne, möglich und notwendig sei es allerdings, die gemeinsame Geschichte zu erzählen und somit Emotionen zu beschreiben. Zwar könne man einen Wert nicht gänzlich erklären, dennoch könne er laut Joas annähernd rational erschlossen werden. Wolle man aber insgesamt über Wertbindungen diskutieren, so sei das nicht möglich, da Wertbindungen überwiegend emotional seien.

Nebeneinander von Glauben und Nichtglauben

Resümieren lässt sich somit, dass sowohl religiöse als auch nicht-religiöse Erfahrungen und Wertbindungen nebeneinander Bestand haben, dass man Glauben und Nicht-Glauben nicht gegeneinander stellen kann, sondern vielmehr, dass beide ihre Berechtigung in einer pluralen Gesellschaft haben können und haben müssen. Sie müssen sich allerdings gegenseitig kritisch begleiten, um Auswüchse in extreme Richtungen auf jeden Fall zu vermeiden und um Rechte wie das Recht der Menschenwürde aufrechtzuerhalten.

Der Abend konnte nur einzelne Aspekte der Frage, ob der Mensch Religion brauche, beleuchten, er lockte aber zur Lektüre des ganzen Buches von Hans Joas.

Hans Joas: Braucht der Mensch Religion? Über Erfahrungen der Selbsttranszendenz; Herder Spektrum 5459, Freiburg 2004; ISBN 3-451-05459-0; Preis 9,90 Euro

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 14.03.2005

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