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Auf zwei Minuten

Komm heraus aus Deinem Grab

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Die Geschichte von der Auferweckung des im Grabe liegenden Lazarus wirft viele Fragen auf. Es bringt uns nicht viel weiter, nach der geschichtlichen Wahrheit dieser Begebenheit zu fragen. Eines müssen wir zunächst feststellen: Was mit Lazarus geschah, ist nicht das, was wir unter Auferstehung der Toten verstehen. Denn Lazarus kehrt in dieses Leben zurück und wird eines Tages noch einmal sterben müssen. Im Johannes-Evangelium haben die Wunderberichte eine tiefere Bedeutung. Sie sind Zeichen. Können wir die Zeichen deuten, die das Johannes-Evangelium in dieser Geschichte setzt? Ich glaube, die Kernaussage unseres Evangelienabschnitts lautet: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben." Und als mächtiges Zeichen für diese Wahrheit ruft Jesus den Lazarus aus dem Grab: "Lazarus, komm heraus!"

Was bedeutet das für uns heute? Vielleicht könnte man so sagen: Wer an Jesus glaubt, der steht schon hier und jetzt zu einem neuen Leben auf. Wir werden an unsere Taufe erinnert, die eine Auferstehung vom Tod der Sünde und Schuld zum neuen Leben der Kinder Gottes bedeutet. Und diese unsere Taufe muss immer wieder neu in unserem Leben vollzogen werden. Bildlich gesprochen: Christus ruft uns heraus aus den Gräbern unserer täglichen Sünde und Schuld.

Der Prophet Ezechiel hatte eine Vision von ausgetrockneten Gebeinen, die das Volk Israel darstellen: "Jetzt sagt Israel: Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren. Deshalb tritt als Prophet auf und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr. Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf (Ez 37,110)". Liegen wir selbst nicht auch in verschiedenen Gräbern? Vielleicht schon recht lange, so dass wir unangenehm riechen! Deshalb ruft uns Jesus heraus aus dem Grab unserer festgefahrenen schlechten Gewohnheiten und Bindungen, aus dem Grab der Verzweifl ung und Resignation, aus dem Grab unserer Vorurteile, aus dem Grab von Hass und Verachtung, aus dem Grab unserer vielen Ängste. Auferstehung zum vollen Leben beginnt in unserem Alltag. Daher heißt die Botschaft Jesu, die bei den Evangelisten zusammengefasst ist: "Kehrt um! Glaubt an das Evangelium!" Diese Umkehr ist wie eine Auferstehung aus dem Grab. Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz spricht in einem Gedicht von dieser Auferstehung mitten im Alltag: "Manchmal stehen wir auf / Stehen zur Auferstehung auf / Mitten am Tage / Mit unserem lebendigen Haar / Mit unserer atmenden Haut. // Und dennoch leicht / Und dennoch unverwundbar / Geordnet in geheimnisvolle Ordnung / Vorweggenommen in ein Haus aus Licht."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 10 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 14.03.2005

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