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Bistum Erfurt

Kleine Schritte des Dialogs

Menschen müssen lernen, schwierige Themen der Geschichte nicht auszuklammern

Erzbischof Stanislaw Gadecki und Pfarrer Manfred Deselaers besuchten das Bistum Erfurt. Hier informierten beide über das Verhältnis von Polen und Deutschen. Foto: Jakobi

Hubertus Staudacher, der Leiter des Katholischen Forums im Land Thüringen, betonte, dass die drei Termine, die Erzbischof dr. Stanislaw Gadecki aus Poznan (Posen) und Pfarrer Manfred Deselears im Bistum Erfurt absolvierten, ganz konkrete Schritte auf dem Weg der Versöhnung zwischen Polen und Deutschen sind. Kleine Schritte, die sich mit den vielfältigen anderen Aktivitäten und Initiativen zu einem großen Bild zusammen setzen.

Im Rahmen eines Pressegesprächs unter dem Leitwort "Ortsbestimmung" informierten Erzbischof Gadecki und Pfarrer Deselears über das heutige Verhältnis zwischen Deutschen und Polen. Stanislaw Gadecki ging zunächst auf die gemeinsame Geschichte ein. In ihr fänden sich nicht nur dunkle Kapitel, sondern auch solche, die zeigen, dass Polen und Deutsche über einen Zeitraum von 1000 Jahren in friedlicher Nachbarschaft leben konnten. Heute, da beide Länder Mitglieder der Europäischen Union sind, sei es nötig, an die friedlichen und guten Traditionen anzuknüpfen und aus ihnen heraus die gemeinsame Zukunft zu gestalten. Stanislaw Gadecki machte zudem den Menschen beider Völker Mut, immer wieder den Dialog und die Begegnung zu suchen.

Diesem zwischenmenschlichen Bereich widmet sich Pfarrer Manfred Deselears. Der Priester des Bistums Aachen arbeitet als Leiter des Zentrums für Dialog und Gebet in Auschwitz. Deselaers setzt sich so seit Jahren für den Dialog und die Versöhnung zwischen Polen und Deutschen ein. Im Gespräch betonte er, dass die Menschen in beiden Ländern lernen müssten, schwierige Themen ihrer Geschichte nicht auszuklammern.

Kritische Worte wählte Erzbischof Stanislaw Gadecki mit Blick auf das in Berlin geplante Zentrum gegen Vertreibungen. In der Diskussion um die Vertreibung dürfe nicht vergessen werden, "wer den Zweiten Weltkrieg begonnen habe." Gadecki äußerte weiter die Befürchtung, dass das eigene erfahrene Leid gegen das des anderen aufgerechnet werde. Mit Blick auf die Ungeheuerlichkeit der Verbrechen des Nationalsozialismus sei dies jedoch ein Weg, der in die Irre führen müsse. Kritisch beurteilte Stanislaw Gadecki zudem polnische Forderungen nach Reparationszahlungen. Diese Diskussionen seien überflüssig, da man so bis "zum Ende der Welt streiten könne".

Besorgt zeigte sich der polnische Erzbischof über die Wahlerfolge der Neonazis in Sachsen und Brandenburg. "Das ist eine schlimme Sache. Diese Leute glorifizieren die Ursache aller Leiden des Zweiten Weltkriegs", betonte Gadecki. Zudem werde durch die Wahlerfolge der Neonazis das Misstrauen genährt, inwieweit die Polen und andere Völker der Neuorientierung der Deutschen wirklich trauen können.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 10 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 14.03.2005

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