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Auf zwei Minuten

Wer ist wirklich blind?

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Die lange Erzählung des Evangeliums dieses Sonntags lässt deutlich werden: So hilfl os und lieblos können Menschen werden, die für sich behaupten, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, und die meinen, diese mit Macht und mit Androhung von Gewalt durchsetzen zu können. Die Pharisäer setzen ihre überlieferte und behauptete Wahrheit gegen die erfahrene und bezeugte Wahrheit des von seiner Blindheit Geheilten: Das darf ja wohl nicht wahr sein, dass dieser Jesus, der das Sabbatgebot übertritt, diesen Mann geheilt hat! Auch die Jünger Jesu sind in ihrem Denkschema von Sünde und Vergeltung gefangen. Sie fragen nach dem ,,Warum" der Blindheit. Jesus aber fragt nach dem ,,Wozu". Sie fragen nach der Ursache, Jesus nach dem Ziel: Das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. Dafür sind Menschen blind. Solche Blindheit zu überwinden, dazu ist Jesus von Gott gesandt als das Licht der Welt. Darauf weist auch der Name des Teiches "Schibach -der Gesandte" hin. Die Frage nach dem "Warum" lässt uns aber nicht los, wenn wir selbst betroffen sind von einem schweren Leiden: Warum gerade ich? Womit habe ich das verdient? Diese Frage verdunkelt in uns das Bild von Gott, weil wir erblinden. Da bedarf es eines barmherzigen Eingriffs Gottes, wenn uns dann ein Auge für die Frage nach dem Wozu geschenkt wird. Dann kann ein schwerer Weg zu einem Segen werden für den, der das Leiden trägt.

Der Mann, der von Geburt blind war, wurde von Jesus nicht nur im medizinischen Sinne geheilt. Hier geschieht etwas viel Größeres. Als er nach seiner Heilung und der Auseinandersetzung mit den Pharisäern Jesus zum zweiten Mal begegnet, erst dann wird er wirklich sehend. Da erkennt er, wer Jesus wirklich ist, wirft sich vor ihm nieder und sagt: "Ich glaube, Herr!" Jetzt ist ihm nicht nur das Augenlicht gegeben, sondern die Erkenntnis Christi geschenkt worden.

Diese Heilungsgeschichte zeigt: Die wirklich Blinden sind die religiösen Autoritäten, die Pharisäer und Schriftgelehrten in ihrer selbstgerechten Frömmigkeit. Sie meinen, im Besitz der vollen Erkenntnis der Offenbarung Gottes zu sein. Aber fragen wir uns selbst: Sind wir selbst nicht auch oft blind für weiterführende Erfahrungen mit Jesus? Inwieweit ordnen wir Jesus ein in unsere überkommene religiöse Vorstellungswelt, in unser gewohntes Denken über ihn, in unser traditionelles kirchliches Handeln? Haben wir Augen für Gottes oft überraschendes Handeln in den Menschen um uns, in der Welt von heute? Sehen wir die "Zeichen der Zeit"? Das Schlussgebet der heutigen Messe muss unsere Bitte sein: "Heile die Blindheit unseres Herzens!"

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 04.03.2005

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