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Was Mission heute heißen kann

Erfahrungen aus der Arbeit der Leipziger Kontaktstelle Orientierung

Schwester Susanne Schneider (links) und Praktikantin Sabine Truar in der Leipziger Orientierung. Foto: Holluba

Die meisten Ostdeutschen können mit Kirche nichts anfangen. Ein Zustand, mit dem man sich abfinden muss?

Sind die Ostdeutschen -wie es ihnen ein inzwischen gefl ügeltes Wort unterstellt -religiös unmusikalisch? Schwester Susanne Schneider glaubt das nicht. Sie benutzt stattdessen lieber den Ausdruck religiös sprachlos. "Auch die Menschen in Ostdeutschland haben letzte Werte, Ideale, Hoffnungen. Und das hat etwas mit Gott und Religion zu tun", ist die Ordensfrau überzeugt.

Die entsprechenden Erfahrungen sammelt sie bei ihrer Arbeit in der "Orientierung". Diese Kontaktstelle der katholischen Kirche im Leipziger Stadtzentrum steht mit ihren Angeboten -vom Meditationsabend bis zur Diskussionsrunde über junge Menschen und ihre Werte -alle Interessierten offen. Diejenigen, die kommen, sind etwa je zu einem Drittel christlich, ehemals kirchlich oder konfessionslos. Die Nichtchristen, deren Weg -aus welchem Grund auch immer -in die Orientierung führt, machen dabei häufi g eine Entdeckung: Christen sind ganz normale Menschen, mit denen man ganz normal sprechen kann.

Denn Zerrbilder von Gott und Kirche spuken nach wie vor in vielen ostdeutschen Köpfen herum, hat Schwester Susanne festgestellt: "Viele verbinden Christentum bis heute mit Gewalt -als wären die Kreuzzüge erst gestern gewesen. Und Mitgliedschaft in der Kirche wird oft gleichgesetzt mit dem Aufgeben des eigenen Denkens."

Die Orientierung legt Wert auf ein klares christliches Profi l. "Die Leute sollen wissen, woran sie sind, wenn sie zu uns kommen." Aber niemand wird vereinnahmt. "Mission bedeutet, meinen Freunden von dem zu erzählen, was mir wichtig ist." Der erste Schritt dabei ist es aber, den Menschen gegenüber als Freund zu gewinnen.

Mission muss die Würde des anderen Menschen ernst nehmen. Diesen Rat gib Susanne Schneider, die Missionarin Christi, wie ihre Ordensgemeinschaft heißt, auch allen Christen für ihren Alltag. "Seien Sie im Gespräch mit Nachbarn, Arbeitskollegen oder Freunden hellhörig für die Freuden und Schmerzen im Leben des anderen. Hier gibt es häufi g Anknüpfungspunkte, vom Glauben zu erzählen und Einladungen auszusprechen." Auch wenn für manchen kulturelle Erlebnisse oder die Schönheit der Natur zu einer Brücke zum Glauben werden, der häufi gste Weg zu Gott führt über zwischenmenschliche Kontakte.

Und hier können auch die Pfarrgemeinden ihre missionarische Verantwortung wieder stärker in den Blick nehmen. "Wir haben einen Schatz empfangen, aber der glänzt nur, wenn er an die Luft kommt und weitergegeben wird." Ein erster Schritt sei dafür eine gute Öffentlichkeitsarbeit. "So kann ich als Pfarrgemeinde meinem Nachbarn sozusagen meine Hand entgegenstrecken."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 04.03.2005

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