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Bistum Görlitz

Veränderte Gesellschaft

Auch Kirche muss sich der Zukunft stellen

Bernhard Sonntag, DGB-Vorsitzender Ostsachsen: Kirchen und Gewerkschaften sind das 'Stärkste, was die Schwachen haben'. Foto: Schuppert

Görlitz - Eine ideale Gesellschaft hat Oswald von Nell- Breuning (1890 bis 1991), Jesuit und Nestor der Katholischen Soziallehre, nicht gewollt. Aber eine, in der es gerecht zugeht und in der jeder gleiche Chancen hat.

Jetzt beginne das System zu bröckeln, sagt Bernhard Sonntag, DGB-Vorsitzender in Ostsachsen. Der Gewerkschafter sprach am 18. Februar auf Einladung der "Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung" (KKV) in Görlitz über die Veränderungen der Katholischen Soziallehre, die sich, wie er meint den Herausforderungen der Zukunft stellen muss. Lange galt die Lehre von Nell-Breuning als Eckpfeiler des Sozialstaates der alten Bundesrepublik, so Sonntag. Dass jetzt ein breites gesellschaftliches Umdenken stattfinde, müsse aber nicht bedeuten, dass seine Theorien nicht mehr aktuell seien.

Angesichts von hoher Arbeitslosigkeit und Globalisierung beklagt Sonntag vor allem unternehmerisches Gebaren, das an Unmenschlichkeit grenzt und vor dem der Staat auf der Hut sein muss. EURichtlinien machten zum Beispiel die so genannte Dienstleistungsfreiheit möglich, bei der osteuropäische Arbeitnehmer zu den Bedingungen ihrer Herkunftsländer in Deutschland arbeiten. "Einheimische Schlachter werden entlassen, polnische müssen zwölf Stunden und mehr arbeiten und in katastrophalen Unterkünften hausen", weiß Sonntag aus aktuellen Medienberichten. "Ein skandalöser Zustand."

Allgemeiner Werteverfall

Aufgabe des Staates sei es, diesem allgemeinen Werteverfall entgegenzutreten: Besonders bei der Bildung. "Studiengebühren dagegen schaffen eher ein System der Ausgrenzung", ist sich Sonntag sicher. Die Bildungschancen in Deutschland müssen gleich bleiben, damit "Bildungspotenzial nicht verloren geht". Ähnlich wie die Kirchen hätten die Gewerkschaften hierbei eine große Verantwortung. Beide seien das "Stärkste, was die Schwachen haben".

Die Diskussion zeigte den Riss, der derzeit durch die Gesellschaft geht. Einige kritisierten besonders Nadie wachsende Gefährdung der Familien durch die veränderte Arbeitswelt. "Haben denn die Gewerkschaften ein tragfähiges Zukunftskonzept?", wollte einer wissen. Bernhard Sonntag scheint ein wenig ratlos. "Patentrezepte haben wir alle nicht."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 24.02.2005

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