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Aus der Region

Der Sehnsucht auf der Spur

Die Fastenzeit bietet die Möglichkeit, vom Alltag Verschüttetes neu zu entdecken

Annette Schleizer

Im Blick auf das Evangelium vom dritten Fastensonntag - das Gespräch Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen - könnte die Vorbereitung auf Ostern dann dies sein: eine Zeit, den Durst nach dem lebendigen Wasser zu spüren. Eine Zeit, die eigene Sehnsucht wieder zu entdecken unter all den Schichten, die sie im Alltag verbergen und zum Schweigen bringen. Und zugleich eine Zeit, sich dafür zu öffnen, dass diese Sehnsucht beantwortet wird, dass es dieses "Wasser des Lebens" gibt. Jesus Christus selbst ist dafür sozusagen "die Garantie". Eine mögliche Spurensuche kann darin bestehen, sich in der Fastenzeit eine Auszeit zu nehmen. Dazu bieten sich Projekte an, die entweder in der eigenen Gemeinde stattfinden - beispielsweise Exerzitien im Alltag oder Heilfasten - oder auf Kursen außerhalb des gewohnten Lebensumfeldes; im Abstand zur alltäglichen inneren und äußeren "Mühle" ist es oft leichter, mit der verborgenen Sehnsucht und mit den verborgenen Quellen in Kontakt zu kommen.

Wie kann dies aber geschehen, wenn es keine solche Möglichkeit des Rückzugs gibt? Wenn die alltägliche Arbeit verrichtet werden muss, wenn die Familie, der Freundeskreis und die gesellschaftlichen Verpflichtungen ihren Tribut fordern? Wenn sich abends nur noch Müdigkeit breitmacht und das Bedürfnis, sich vom Stress des Tages abzulenken? Wie soll da die Energie aufgebracht werden, sich jetzt zu allem auch noch auf die innere Sehnsucht "zu besinnen"?

Es gilt dann, einen Entschluss zu fassen und den gewohnten Ablauf des Alltags bewusst zu unterbrechen. Hilfreich sind Rituale und Zeichen, die sich täglich oder wöchentlich wiederholen. So kann etwa der Tag begonnen oder beendet werden mit einer kurzen Zeit der Stille und des Gebets, an einem bestimmten, eigens dafür gestalteten Platz in der Wohnung. Eine Familie kann sich entscheiden, einmal in der Woche auf die gewohnten "Entspannungshilfen" zu verzichten: auf das Fernsehen, die Flasche Bier, den Rückzug an den PC. Stattdessen kann der Abend anders gestaltet werden als sonst: Zeit füreinander haben und Dinge besprechen, die sonst auf der Strecke bleiben; gemeinsam kochen und essen; miteinander eine Veranstaltung besuchen, die das Herz weit macht ...

Kurs auf Gott nehmen

Unterbrechung kann auch mitten am Tag geschehen: beim Kochen, beim Warten an einer Ampel, zwischen zwei Sitzungen ...Winzige Zeitmulden, die genutzt werden können, ganz gegenwärtig zu sein, anstatt sich mit dem zu beschäftigen, was gerade hinter einem liegt oder sich über das aufzuregen, was bevorsteht. Zeitmulden, die dazu dienen können, die eigenen Sorgen und Befindlichkeiten für einen Augenblick zu lassen und damit "Kurs auf Gott" zu nehmen.

Solche Unterbrechungen können zu Entdeckungen werden. Neue Freiräume tun sich auf, die Optik verändert sich; es wächst die Ahnung dafür, was wirklich wichtig ist - und was sich hinter den alltäglichen Abläufen und Ablenkungen verbirgt: vielleicht die Angst, zu kurz zu kommen, die Angst vor dem Älterwerden, die Sehnsucht nach echter Nähe und Geborgenheit. Damit in Kontakt zu kommen - so die Zusage Jesu - schafft für ihn einen Anknüpfungspunkt, die Angst zu vertreiben und die Sehnsucht stillen zu können: "Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben."

Annette Schleizer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 24.02.2005

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