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Aus der Region

Kleine Kirche -großes Engagement

Indischer Bischof als Misereor-Gast unterwegs

Gast in Freiberg: Bischof Gracias aus Indien (Zweiter von links) berichtete über das Engagement seiner Kirche im Gesundheitswesen. Begleitet wurde der Misereor-Gast von Ulrich Clausen (links). Auf dem Foto außerdem Pfarrer Kocner (Zweiter von rechts) und Kaplan Lommatzsch. Foto: Holluba

Freiberg - Christen sind in Indien nur eine kleine Minderheit. Und doch leisten sie - mit der Hilfe von Misereor - im Gesundheitswesen einen wichtigen Dienst für ihre Gesellschaft.

Von der etwa einen Milliarde Indern sind nur 2,3 Prozent katholisch. Trotz dieser Minderheitensituation will die katholische Kirche in ihrem Land ihre Verantwortung in der Gesellschaft wahrnehmen. "Wir verstehen uns als Kirche für alle Menschen. Und meine Arbeit als Bischof gilt nicht nur den Christen, sondern allen, die in meinem Bistum leben", sagt Oswald Gracias, seit dem Jahr 2000 Bischof in Agra. Agra liegt im Norden Indiens, etwas südlich von Neu Dehli und ist vor allem durch das Taj Mahal bekannt. Bischof Gracias ist in diesen Tagen in Deutschland unterwegs, um im Rahmen der Misereor-Fastenaktion über die Kirche in Indien zu berichten.

Tuberkulose, Aids und Lepra

Im Bistum Agra leben 25 Millionen Menschen, aber nur 14 000 Katholiken. 80 Prozent der Einwohner sind Hindus, der Rest Muslime. Vor allem die gesundheitliche Situation in Indien ist für die Christen und für Bischof Gracias eine Herausforderung: Ein Drittel aller Tuberkulose-Erkrankungen weltweit betrifft Inder (14 Millionen Menschen) und mit fünf Millionen Aids-Infizierten nimmt Indien nach Südafrika weltweit Platz zwei ein. Malaria, Hepatitis B und Lepra sind weitere Probleme.

Die katholische Kirche in Indien hat in den letzten Jahrzehnten ein beachtliches Gesundheitssystem auf die Beine gestellt. "Wir sind zwar nur zwei Prozent Katholiken, aber wir unterhalten über 20 Prozent aller Gesundheitseinrichtungen in Indien", sagt der Bischof. Der Schwerpunkt liegt dabei in den ländlichen Regionen. "Auf den Dörfern will sich sonst fast niemand um die Gesundheit der Menschen kümmern. Das ist wirtschaftlich unattraktiv."

Kein Geld vom Staat

Finanziert wird diese Arbeit der Kirche ausschließlich über Spenden und durch Unterstützung aus dem Ausland. Ein wichtiger Partner ist hier Misereor. Vom indischen Staat hingegen ist keine finanzielle Unterstütztung zu erwarten. Zwar wird die Kirche inzwischen nicht mehr argwöhnisch betrachtet ("Indien gehört den Hindus!") und in ihrer Arbeit nicht behindert, die ein oder andere Behinderung im Einzelfall gibt es allerdings noch immer, beispielsweise wenn es um Konversionen vom Hinduismus zum Christentum geht, die durch ein Gesetz reglementiert werden.

Problematisch für die Kirche bleibt nach wie vor auch die öffentliche Einmischung in die gesellschaftlichen Fragen Indiens. Vor allem Kritik am fast alle Lebensbereiche dominierenden Kastenwesen ist schwierig. Sobald sich die Kirche für die besonders benachteiligten Kastenlosen eintritt, heißt es schnell: Wer das Kastenwesen bekämpft, bekämpft den Hinduismus. Bischof Gracias selbstkritisch: "Als Kirche haben wir das Gefühl, das wir hier auch politisch noch nicht genug gemacht haben. Das wird uns gelegentlich auch zum Vorwurf gemacht." Es gebe immer wieder Gespräche mit der Regierung, doch: "Das Kastenwesen ist ein tiefsitzender Teil in der Mentalität der indischen Menschen."


Nachgefragt

Dresden - Regelmäßig ist Ulrich Clausen vom Dresdner Ordinariat mit Gästen aus der Weltkirche im Bistum unterwegs. Die Besuche sind Teil der Aktionen der Hilfswerke Misereor und Missio.

Herr Clausen, was ist das Anliegen dieser Besuche?

Die Besuche bieten zunächst die Möglichkeit, aus erster Hand etwas von den Sorgen und Nöten aber auch von den Freuden und Erfolgen zu erfahren, die die Christen und die Kirche in anderen Teilen der Welt beschäftigen. Zum Zweiten geht es darum, den Projekten der Hilfswerke ein Gesicht zu geben. Unsere Spende verschwindet nicht in der Anonymität, sondern kommt bei konkreten Menschen und in konkreten Situationen an.

Sind Sie denn mit dem Interesse in den Pfarrgemeinden zufrieden?

In vielen Gemeinden gibt es einen Kreis von Leuten, die sich für Fragen der Weltkirche brennend interessieren. Diese kommen dann auch zu den Veranstaltungen. Meine größere Sorge sind manchmal die Gemeindeleitungen. Da gibt es gelegentlich die Frage: Lohnt sich so ein Besuch bei uns oder müssen wir uns nicht schämen, wenn bloß wenige Leute kommen? Meine bisherige Erfahrung sagt mir aber: Wir brauchen uns mit diesen Veranstaltungen nicht zu verstecken.

Mission ist keine Einbahnstraße, heißt es heute. Was bekommen die Christen in Deutschland zurück?

Zunächst: Wir sind eine Weltkirche. Das verbindet uns und macht uns füreinander verantwortlich. Diese Verbindung findet ihren Ausdruck nicht nur in Geldspenden, sondern auch im Gebet. -Was wir von den Christen in Afrika, Asien oder Lateinamerika zurückbekommen ist eine ganze Menge: Da ist ein großer Optimismus, der uns Mut machen kann, wenn wir etwa aus Indien hören, dass die kleine christliche Minderheit den Großteil des Gesundheitswesens betreut und so einen wichtigen Dienst für die Gesellschaft leistet. Anstecken lassen könnten wir uns auch von der Freude am Glauben gerade angesicht unserer Situation der immer kleiner werdenden Zahlen. Und dann gibt es auch einige Konzepte, die uns helfen können: Ich nenne die kleinen christlichen Gemeinschaften und das Bibelteilen.

mh

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 24.02.2005

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