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Aus der Region

Folgen begrenzen

Flughafenseelsorger kümmert sich um deutsche Seebeben-Opfer

Christian Grubert: Selbstlos zu helfen ist zutiefst christlich.

Flughafenpfarrer Christian Grubert war dabei, als am 28. Dezember ein Airbus A 300 aus der Hauptstadt Sri Lankas, Colombo, auf dem Airport Leipzig- Halle landete. An Bord waren 300 Opfer der Katastrophe in Südostasien. Gemeinsam mit einem Kriseninterventionsteam der Fluggesellschaft LTU war der Pfarrer im Flugzeug bei den Opfern. Der TAG DES HERRN sprach mit Christian Grubert:

Herr Pfarrer Grubert, ihre Mission war sicher nicht leicht. Wie sind Sie an die Aufgabe herangegangen?
Katastrophen folgen aus zerstörerischen Impulsen, die sich wellenartig ausbreiten und verheerende Folgen haben können. Wenn ein Autofahrer mit einem anderen zusammenstößt, sind die beiden Autos kaputt. Die Versicherung wickelt den Schaden ab. Sind Menschen verletzt, sieht die Sache anders aus: Krankenhaus, Verdienstausfall und so weiter. Die Folgen können immens werden, die berufliche Existenz kann auf dem Spiel stehen. Bei einer Naturkatastrophe wie der in Südostasien sind Plünderungen, Epidemien, elternlose Kinder und Arbeitslosigkeit die Folge. Wer wo immer helfen will, hat es mit solchen Folgen zu tun, und es geht darum, diese zu begrenzen.
Was heißt das für einen Seelsorger?
Ich denke, Aufgabe jedes Christen ist es, den Geist für die Not leidenden Menschen wach zu halten, weil wir mit allen Lebenden diesen Planeten teilen, weil wir alle Kinder Gottes sind, auch diejenigen, die ganz anders leben und denken als wir. Ihnen tatkräftig beizustehen ist ein zutiefst geistlich begründetes Handeln und gelebtes Christsein. Wenn jetzt so viele Zeitgenossen Geld spenden und Hilfe anbieten, zeigt dies, dass es bei vielen doch lebendige Spiritualität gibt. Aus den wohlhabenden moslemischen Ländern etwa sind bis jetzt keine Nachrichten über Hilfsbereitschaft in vergleichbaren Dimensionen zu hören. Das ist für mich keine Überraschung. Auch wenn es zum Teil derzeit "schick" ist zu helfen, so hat es einen tiefen Grund und ist höchst begrüßenswert.
Wie konnten Sie den Betroffenen in der gelandeten Maschine helfen?
Zunächst einmal: Betroffen sind nicht nur die, die als direkte Opfer in Not geraten sind. Betroffen sind alle, die das Erlebte bewältigen müssen. Solche Katastrophen können bei allen Beteiligten seelische Zerstörungen oder völlige Desorientierung zur Folge haben, auch bei den Helfern. Das kann sich auch erst mit Abstand zeigen. Sie alle brauchen Hilfe, um wieder zu Kräften zu kommen. Nicht jeder braucht aber einen professionellen Helfer. Den Menschen, die wir in der A 300 vorgefunden haben, war das Erlebte anzusehen. Dabei hatte das Kabinenpersonal während des neunstündigen Non-Stop-Fluges sehr viel geleistet: zugehört, die Passagiere reden lassen und auf nette Weise so gut wie möglich versorgt. Diese Leistung kann man nicht hoch genug bewerten. Wir vom Flughafen hatten für einige vorsorglich Kleidung besorgt. Mein evangelischer Kollege kümmerte sich währenddessen um wartende Angehörige.
Sie haben im Flugzeug mit Menschen gesprochen ...
Mir fällt zunehmend auf, dass es Menschen gibt, die kaum Probleme haben, sich schmerzlichen Sachverhalten zu stellen, andere tun sich dagegen sehr schwer. Vielleicht ist ein offener Umgang damit die Folge eines unbefangenen Umgangs mit Beichtspiegeln von Kindesbeinen an. Der Umgang mit Schuld und Not im eigenen Leben erfordert sehr ähnliches früh geübtes "Handwerkszeug". Viele, die dem heutigen Trend der dekorativen, nur auf Außenwirkung bedachten Sprache erlegen sind, haben es schwer, sich eigenem und mitmenschlichem Leid innerlich zu stellen und nötige Schritte beherzt zu gehen.

Interview: Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 2 des 55. Jahrgangs (im Jahr 2005).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 13.01.2005

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