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Bistum Magdeburg

Die preußischen Tugenden kommen aus Halle

Franckeschen Stiftungen haben Preußens Geschichte mitgeschrieben

Halle (mh) - Einblicke in ein unbekanntes Kapitel preußischer Geschichte bietet die Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen in Halle. Unter dem Motto "Gott zur Ehr und zu des Landes Besten" sind knapp 800 Austellungsstücke - zum Großteil Schriften aus den Quellensammlungen der Stiftung - zu sehen. Sie zeigen, in welch großem Maß der Hallesche Pietismus, dessen sichtbarster Ausdruck die Stiftungen sind, und der preußische Staat sich gegenseitig beeinflusst haben. "Preußen in seiner besonderen Ausprägung wäre ohne die Franckeschen Stiftungen nicht vorstellbar. Umgekehrt wären die Stiftungen auch ohne Preußen nicht denkbar", so die Ausstellungsmacher. Eindrucksvollstes Beispiel: Die Wurzeln der sprichwörtlichen preußischen Tugenden - Ordnung, Gehorsam, Pflichtgefühl ...- reichen nach Halle.

Die Ausstellung beginnt 1572 mit der Geburt Johann Sigismund auf der Moritzburg Halle. Als brandenburgischen Kurfürst wechselt er 1613 vom lutherischen zum reformierten Glauben. Ungewöhnlich daran war, dass er seine Untertanen nicht zum Übertritt verpflichtete, wie es dem damaligen Recht entsprochen hätte. Dies war prägend für die weitere Entwicklung: Johann Sigismund legte den Grundstein für die religiöse Toleranzpolitik in Brandenburg-Preußen, die es den Pietisten ermöglichte, im Land Fuß zu fassen. Beleuchtet werden auch die Folgen des 30-jährigen Krieges, ohne die das Werk August Hermann Franckes nicht denkbar wäre. Als Francke 1692 nach Glaucha, einem damaligen Vorort von Halle kam, fand er eine verwahrloste Gemeinde mit 200 Häusern und drei Dutzend Schänken vor. Drei Jahre später begann er mit dem Aufbau seines Waisenhauses, um die Kinder aus dem Elend zu holen.

Dank der Förderung durch die preußischen Herrscher konnte Franckes Werk sich rasch entwickeln. Als er 1727 starb, gab es das Waisenhaus und mehrere Schulen, eine Lehrerbildungsanstalt, eine Buchdruckerei, eine Buchhandlung und eine Apotheke. Die Privilegien, die Franke erhielt, gaben die preußischen Herrscher ihm freilich nicht uneigennützig, denn sie mussten aus ihrem Herrschaftsgebiet erst einen einheitlichen Staat bilden und brauchten dazu Reformkräfte. Francke war für sie ein Glückfall, denn er besaß nicht nur die nötige Tatkraft, sondern war auch frei vom Makel persönlicher Geldgier.

Der Hauptteil der Ausstellung zeigt kirchliche, politische, pädagogische, wirtschaftliche und militärische Aspekte der Verbindung zwischen Preußen und dem halleschen Pietismus. Ausführlich wird Franckes pädagogischer Ansatz dargestellt: Gegen die sozialen Missstände setzte er einen Wertekanon, in dem Gehorsam, Pflichtgefühl, Bescheidenheit, Ordnung, Pünklichkeit und Fleiß zentrale Begriffe waren. So erzogen, kehrten die Schüler in die Heimat zurück und gaben das Erlernte weiter. Dadurch hat Franckes Erziehungsarbeit wesentlichen Anteil an den bis heute als typisch preußisch angesehene Tugenden. Allerdings waren sie für Francke eng mit dem christlichen Glauben verbunden: Tugendhaftigkeit war eine Art Gottesdienst. Erst der Wegfall des religiösen Bezuges führte in späteren Jahrhunderten zu Missbrauch und Pervertierung dieser Tugenden.

Die Ausstellung schließt mit einem Blick auf das 19. und 20. Jahrhundert. Mit dem Schwinden der wirtschaftlichen Unabhängigkeit wird die Stiftung immer enger in das Staatssystem eingegliedert. Das Kriegsende 1945 ist auch das Ende der Stiftungen. Während der DDR-Zeit waren sie Bestandteil der Universität. Seit 1991 existieren sie wieder.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 27 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 07.07.2001

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