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Kardinal lehmann in Dresden über die Zehn Gebote

Zum vierten Gebot: Kardinal Lehmann legte seinen Zuhörern dar, wie viel Lebensklugheit in den alten biblischen Texten steckt.

Dresden (dw) -"Diese uralten Sätze der Bibel zeugen von einer tiefen Einheit von Wandel und Bestand", sagte Kardinal Karl Lehmann am 9. Dezember im Haus der Kathedrale bei seinem Vortrag zum vierten Gebot. "Sie haben ihre radikale Gültigkeit behalten, die man zu jeder Zeit neu entdecken muss". Mit dem Vortrag des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz hat das Dresdner Kathedralforum seine begleitende Vortragsreihe zur Zehn-Gebote-Ausstellung im Hygienemuseum abgeschlossen.

Beim so genannten vierten Gebot "Ehre deinen Vater und deine Mutter ..." gehe es nicht primär um Gehorsam gegenüber Eltern und Obrigkeit, sondern um Solidarität und Gerechtigkeit zwischen den Generationen, betonte Lehmann. In der Entstehungszeit der zehn Gebote waren dabei in erster Linie Versorgung und würdige Behandlung der alten Menschen im Blick.

Die materiellen und rechtlichen Vorausetzungen für das Verhältnis der Generationen hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten gravierend verändert, rief der Kardinal ins Bewusstsein. Beispielsweise habe sich dadurch, dass produktive Arbeit aus dem familiären Zusammenhang ausgelagert wurde, die Kompetenz der Älteren abgeschwächt, die in früheren Zeiten einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung auch in diesem Bereich hatten. Dieses und andere Beispiele zeigten, dass ein neuerliches Nachdenken über die Beziehungen zwischen den Generationen und die Rolle der Familien in der heutigen Gesellschaft nötig sei.

Neben der materiellen enthalte das Gebot aber auch eine spirituelle Dimension und beziehe sich auf die Vermittlungsaufgabe der Eltern, die zehn Gebote an die nächste Generation weiterzugeben. Dazu gehörte die Erzähltradition, aber auch die vorbildhafte Umsetzung des Glaubens in die Lebenspraxis.

In unserer heutigen Gesellschaft sieht Lehmann die Weitergabe ethischer und spiritueller Werte an die nachfolgende Generation in einer tiefen Krise. Jugendlichen würden oftmals nur auf den Einsatz von Ellenbogen getrimmt. Damit würden sie um Werte betrogen, die sie zum Überleben bräuchten.

Während es im Generationenkonflikt früher stärker um Werte gegangen sei, stehe heute die bloße Existenz auf dem Spiel, und zwar erstmals auch die Lebensmöglichkeiten der noch nicht Geborenen. Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte sei es möglich gewesen, die Lebensgrundlagen künftiger Generationen zu gefährden und sogar auszuschalten, durch überhöhte Staatsverschuldung, Manipulation des Erbgutes, Massenvernichtungswaffen ...

Angesichts der wachsenden Reichweite menschlichen Handelns erinnerte Kardinal Lehmann an die Worte des Philosophen Hans Jonas: "Wir müssen den Begriff der Verantwortung neu denken".

Gerechtigkeit und Solidarität seien -auch im biblischen Verständnis -nichts Naturgegebenes, sondern eine Aufgabe.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 18.12.2004

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