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Spezial

Eine Glocke erzählt

Kinderzeichnungen und zwei Erzählungen / Eine von heute und eine von 1930

Das Einsetzen der Gloriosa

Derzeit werden im Erfurter Dom Kinderzeichnungen und Texte ausgestellt, die sich um die Gloriosa und andere Glocken ranken. Darunter auch der Text von Andre Hartenstein. Er schreibt: Eine Glocke erzählt: "Ich sitze hiet auf dem höchsten Turm, in einer Kleinstadt und sehe fast alles. Jedes Jahr ist Marktfest, das kenne ich schon, seit ich hier oben hänge. Allerdings hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Früher waren die Holzstände ganz anders, sie waren einfacher als heute. Das Dach wurde mit Leder von wilden Tieren beklebt. Und auf den Obstständen waren nur Früchte zu sehen, die hier wachsen konnten. Es wurde mit viel Vieh gehandelt, meistens mit Schweinen. Damals gab es noch keine Autos, also musste alles mit den Kutschen gebracht werden. Manchmal wurde die Stadt von Räubern angegriffen, dabei zerstörten sie den ganzen Marktplatz. Die Stadt war sehr klein, deshalb hatte sie keine Stadtmauer. Der Glockenturm steht wie eine kleine Stadtmauer. Er ist aber erst 200 Jahre alt, ich dagegen bin 400 Jahre. Der erste Glockenturm ist durch einen Angriff feindlicher Soldaten verbrannt. Ich konnte dabei noch gerettet werden. Noch schlimmer war es im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Die Stadt war völlig zerstört. Nach und nach wurde alles wieder aufgebaut. Dann wurde Deutschland zerteilt in Ost und West. Ich stand an der Grenze. Soldaten und Bauarbeiter setzten einen Zaun, er war riesig, und viele Männer bewachten die Grenze. Da kam ein kleiner Junge, er wollte über den Zaun klettern. Sie nahmen ihn gefangen. Aber er riss sich aus den Händen der Soldaten und rannte ins Dorf. Ich fragte mich, warum der Junge nicht über den Zaun durfte. Das werde ich wohl nie erfahren. Darüber denke ich heute noch nach.

Eine ganz andere Geschichte wurde dem Erfurter Dompfarramt zugesandt. Sie ist die älteste und zugleich die berührendste. Geschrieben hat diese Glockengeschichte, der 1915 in Klostermansfeld geborene Ernst Zink. Eingesandt hat sie sein Bruder. Er gibt das Entstehungsjahr mit zirka 1930 an.

Was unsere alte Kirchenglocke erzählt: Im Jahr 1858 verließ ich die Glockengießerei. Als Inschrift trug ich "Gott behüte und beschütze Klostermansfeld". Dann wurde ich auf einen schweren Wagen geladen, und nun ging es der neuen Heimat zu. Ein langer Weg beschwerlich und mühevoll. Oft versperrten uns gefällte Baumriesen den Weg. Endlich, nach zweieinhalb Monaten, kam ich in meiner neuen Heimat an. Nun sollte ich auf den Turm gebracht werden. Ich konnte mich nicht recht umsehen, denn ehe ich mich versah, hing ich am Flaschenzug und wurde in den Turm hochgezogen. Fest wurde ich angeschroben. Dann ließ man mich in Ruhe. Nun konnte ich mich richtig umsehen. So gewahrte ich neben mir eine kleine Glocke. Ich fing mit ihr ein Gespräch an und sie erzählte!

Seit 1258 hänge ich nun schon hieroben. Habe viel Not und Elend, aber auch Freude durchgemacht. Ich aber sah weiter. So sah ich eine stolze Burg. Sah Äcker und Wälder, Wiesen und Felder. Es nahte der Tag heran, an dem ich geläutet werden sollte. Schwere Schritte hörte ich auf den Treppen des Turmes. Jetzt sollte ich zum ersten Mal meine Stimme rein und klar hören lassen und die Gläubigen zum Kirchgang rufen. Es wurde wider so ruhig wie vorher. So hing ich nun in aller Ruhe. Plötzlich wurde ich wieder geläutet. Ein kleines Kind sollte den ersten Weg ins Gotteshaus machen. So wurde ich als Taufglocke benutzt. Doch auch als Hochzeitsglocke fand ich Verwendung. So sah ich den festlichen Zug von Menschen, welche sich der Kirche näherten. Es sollte ein Bund fürs Leben geschlossen werden. Wieder sollte ich meine Stimme erschallen lassen. Doch diesmal nicht so fröhlich, sondern tief ernst. Es wurde eine Mutter zu Grabe getragen. Das tat mir in der Seele leid. Eine Zahl weinender Kinder folgte dem Sarg. So verstrich die Zeit. Ich sah Geschlechter kommen und gehen. Das Dörfchen wurde größer und manche Veränderung trat ein. Da auf einmal erschütterte die Welt in ihren Fugen. 1914 brach der schlimmste aller Kriege aus. Das Vaterland war schwer bedroht. Ich musste nun allen Schmerz mittragen. Väter, Söhne und Jünglinge zogen hinaus.

Die Stimme, welche ich bei Kriegsausbruch hatte ertönen lassen, sollte zugleich mein Trauerlied sein. Ich wurde zerschlagen und mein edles Metall zu Munitionsringen verwendet. In Eilmärschen ging es dann der Front zu. Ich sollte mithelfen, feindliche Festungen zu nehmen. So wurde ich in die Welt geschossen. Heute liege ich nun in Feindesland. So vergingen Jahre. Im Jahr 1923 sollte eine andere Glocke meinen Platz ersetzen. Und so kam es, dass eine neue Glocke von Schilling und Lattmann in Apolda, leider nur aus Stahl, meinen Platz einnahm. Möge dieselbe nun den kommenden Geschlechtern in Freud und Leid erschallen."

Der Autor dieser Geschichte ist im Zweiten Weltkrieg im Jahr 1942 in Stalingrad gefallen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 50 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 09.12.2004

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