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Umgang mit einem grausamen Gottesbild

Halle: Psychoanalytiker Moser zu Gast in der Reihe "Psychotherapie und Religion im Gespräch"

Halle (mim) -Kann der Glaube an einen Gott, der alles sieht, alles weiß und in die Geschehnisse der Welt eingreifen kann, psychisch krank machen? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara im November in Halle. Klinik und Katholische Akademie des Bistums Magdeburg hatten zu einem Vortrag im Rahmen der Reihe "Psychotherapie und Religion im Gespräch" eingeladen. Rund 70 interessierte Gäste waren der Einladung gefolgt, nicht zuletzt wohl wegen des bekannten Referenten. Tilmann Moser, Psychoanalytiker und Buchautor, war eigens aus Freiburg im Breisgau angereist.

Noch vor rund 25 Jahren hätte Moser die Frage, ob ein grausames Gottesbild krank machen kann, rigoros mit "ja" beantwortet. Denn 1976 sorgte der Psychoanalytiker aus Freiburg deutschlandweit mit der Veröffentlichung seines Buches "Gottesvergiftung" für Furore. In dem Bestseller rechnete er schonungslos mit seiner eigenen religiösen Geschichte ab und nahm Gott ins Kreuzverhör: "Dein Hauptkennzeichen für mich ist Erbarmungslosigkeit. Du hattest so viel an mir verboten, dass ich nicht mehr zu lieben war...", schrieb Moser damals. "Mit dem Buch war das Thema Gott für mich erledigt", sagt er heute. Doch ganz so leicht war das Thema dann doch nicht abzuhaken. "Immer wieder kamen Patienten in meine Praxis und immer wieder hörte ich den Satz: ,Ich komme mit meinem Glauben nicht klar'."

Also setzte sich Moser erneut mit dem Umgang mit einem grausamen Gott auseinander und gewann einen Zugang zu einem neuen Gottesbild. Das Ergebnis: 2003 veröffentlichte er ein weiteres Buch. Diesmal mit dem Titel: "Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott".

Ausgehend von seinen Praxiserlebnissen mit Patienten sucht Moser ein neues, für ihn tragbareres Fundament der Religiosität -und lässt jedermann durch das Buch daran teilhaben. Auch die Besucher des Vortrags in Halle ließ der Psychoanalytiker an einigen seiner Erfahrungen und Ergebnisse teilhaben. Anhand zahlreicher Sitzungsprotokolle berichtete er den Anwesenden von dem Schicksal einer 30-jährigen Frau, die vor einiger Zeit in seine Praxis kam. "Umgeben von kirchlichen Würdenträgern in ihrer Familie kam sie eines Tages zu mir, weil sie eine fürchterliche Traurigkeit in sich spürte", so Moser. Nach und nach wurde deutlich: Die Rede von einem Gott, der Sünde bestraft, der über Leben und Tod herrscht, haben die Frau krank gemacht. "Wenn sie nicht zur Kirche ging, war sie deprimiert, hatte Angst, dass Gott eines Tages zurück schlägt, litt an Schlafstörungen, Albträumen und Todesangst", so Moser.

Detailliert gab er Einblicke in die psychoanalytische Arbeit mit dieser Frau, die sich bis heute bei ihm in Behandlung befände -machte damit die Anwesenden im Saal sehr nachdenklich und regte das Gespräch an. "Ein freundliches Gottesbild und die Fähigkeit zur Andacht können im Leben sicherlich Nutzen bringen, sogar dabei helfen, seelische und körperliche Gebrechen zu vermeiden", so Mosers Einschätzung. "Aber Glaube darf nicht dafür missbraucht werden, die Psyche der Menschen einzuschnüren." Eine Lösung, wie eine moderne, menschengerechte Kirche diese Spannung auflösen könnte, kann aber auch er nicht nennen. "Vielleicht bringt uns die Diskussion einige Schritte weiter."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 50 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 09.12.2004

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