Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Bistum Erfurt

"...und die Gloriosa beginnt zu singen"

Nach der Reparatur erklingt die Königin der Glocken wieder -erstmals offiziell am 8. Dezember

Die Gloriosa beim Wiedereinsetzen in den Turm.

Erfurt - "Der erste Schlag war für mich wie eine Offenbarung", sagt Bruder Michael Reuter (45). Der Benediktinermönch ist seit 2002 der Glockensachverständige des Erfurter Domberges und hat bereits Ende Oktober das erlebt, was vielen Erfurtern und anderen Glockenfreunden noch bevorsteht: Das erste Läuten der Gloriosa nach ihrer aufwändigen Reparatur. Am kommenden Mittwoch (8. Dezember) - dem Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens - ist es so weit: Gegen 17.45 Uhr wird Erfurt ganz offiziell seine weltberühmte Glockenstimme wieder haben. "Ich bin sehr gespannt, wie die Leute auf den neuen Klang ihrer Gloriosa reagieren", sagt Bruder Michael. Denkt der Glockensachverständige an die letzten Monate zurück, so ist er überzeugt: "Das Gloriosa-Projekt war ein voller Erfolg."

Dabei begann das Ganze im Jahr 2002 doch erst einmal mit einem großen Schrecken. "Als vor zwei Jahren der acht Zentimeter lange Haarriss an der Gloriosa entdeckt wurde, war guter Rat teuer", erinnert er sich. Was tut sich da wirklich am Schlagring der Glocke? Sind das Oberflächenschäden, oder gar Risse? Wie schnell muss gehandelt werden und kann die Glocke noch weiter geläutet werden? Das alles waren Fragen, auf die der Glockensachverständige Antworten zu suchen hatte.

"Mit ihrem Gewicht von 11,5 Tonnen und ihrer Größe von 2,5 Metern ist die Gloriosa wahrlich keine alltägliche Glocke", so Bruder Michael. "Aber niemand möchte so eine besondere Glocke nur als Museumsstück haben. Also entschieden wir: Der Haarriss der Gloriosa muss geschweißt werden." Und zwar diesmal nicht wie 1985 im Glockenturm des Erfurter Dombergs, sondern in der Schweißwerkstatt Lachenmeyer im bayerischen Nördlingen. Im Sommer dieses Jahres dann der historische Moment: Die Gloriosa verließ zum ersten Mal seit über 500 Jahren ihren Glockenturm. "Ich war selbst auf dem Domplatz dabei und muss sagen, das war schon eine eigentümliche Sache, denn hier wurde ein Stück Geschichte geschrieben. Noch in unzähligen Jahren wird dieser Tag im Juli 2004, an dem die Gloriosa ihren Glockenstuhl verließ, in Büchern und Chroniken genannt sein", sagt Bruder Michael. Doch der erhebendste Moment während des ganzen Gloriosa-Projektes war für den Benediktiner der Tag, an dem er zum ersten Mal die reparierte Glocke nach Wiedereinbau beim Probeläuten hörte. "Ich war vollkommen überrascht, denn so hatte ich sie noch nie gehört." Und beinahe wie ein kleines Geständnis fügt er hinzu: "Als ich überhaupt zum ersten Mal die Gloriosa vor einigen Jahren hörte, war ich sogar ein klein wenig enttäuscht, denn der Klang war bei Weitem nicht so bewegend, wie ich ihn mir für die Königin der Glocken vorgestellt hatte. Heute weiß ich, dass ich die Gloriosa nur im kranken Zustand kannte."

Was den Klang der Gloriosa so krank machte, war eben jener acht Zentimeter lange Haarriss. "Durch den Riss fehlten einige Komponenten des gesamten Glockenklangs, schlicht ein Stück ihrer Seele. Vom Klangunterschied ist das etwa so, wie wenn bei einer Musikanlage die Höhen und Tiefen eines Liedes heruntergedreht werden", erklärt der Glockenfachmann. Will er den neuen Klang der Gloriosa beschreiben, so fehlen Bruder Michael fast ein wenig die Worte: "Es ist ...wie eine wunderbare Klangwolke ...So, wie die Königin der Glocken eben klingen muss." Nicht nur hören, sondern den Klang auch fühlen werden die Gewinner der Gloriosa-Lotterie (siehe TAG DES HERRN Nr. 48, Seite 11), denn sie werden beim feierlichen Geläut am 8. Dezember in der Glockenstube dabei sein. "Der enorme Schalldruck setzt Luftmassen in Bewegung, die in der Glockenstube deutlich spürbar sind. Ein doppeltes Sinneserlebnis", erklärt Bruder Michael. All den anderen, die das erste offizielle Läuten der Gloriosa am 8. Dezember auf dem Domplatz erleben werden, empfiehlt der Fachmann: "Nehmen Sie sich etwas Zeit und Geduld bewusst hinzuhören. Denn eine Glocke dieser Größe braucht etwa zwei bis drei Minuten, bis sie ihren Klang voll entfaltet. Erst nach dieser Zeit ist das Metall in Schwingung und die Gloriosa beginnt zu singen."

Reparaturen der Gloriosa:
  • Juli 1497: Der Glockengießer Gerhard Wou von Kampen gießt die Gloriosa - "Die Ruhmreiche". Mit ihren 11,5 Tonnen ist sie die größte freischwingende, mittelalterliche Glocke der Welt.
  • Weihnachten 1984: Ein 60 Zentimeter langer Haarriss wird entdeckt.
  • 1985: Die Gloriosa wird mittels eines komplizierten Schweißverfahrens im Glockenturm geschweißt.
  • August 2002: Erneut wird ein Haarriss mit einer Länge von acht Zentimetern entdeckt.
  • 8. Juli 2004: Die Gloriosa wird für Reparaturarbeiten im bayerischen Nördlingen in einem spektakulären Verfahren aus dem Glockenturm gehoben. Damit verlässt sie erstmals seit über 500 Jahren ihren Glockenstuhl.
  • 9. September 2004: Die Gloriosa kommt geschweißt und wohlbehalten zurück nach Erfurt und wird wieder in den Turm gesetzt.
  • 28. Oktober 2004: Ein erstes Probeläuten offenbart einen vollkommen neuen Klang der Gloriosa.
  • 8. Dezember 2004: Gegen 17.45 Uhr wird die Gloriosa zum Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens erstmals wieder offiziell geläutet.
  • Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 49 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
    Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 03.12.2004

    Aktuelle Buchtipps