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Auf zwei Minuten

Christliche Ergebung

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Vor vierzig Jahren starb in einer Zürcher Klinik der Schauspieler und Regisseur Ernst Ginsberg. Er stammte aus einer jüdischen Arztfamilie in Berlin und konvertierte als 35-Jähriger zum Katholizismus. Mitten in seiner glänzenden Karriere traf ihn 1962 eine unheilbare Krankheit, Lateralsklerose. Er wurde nach und nach vollständig gelähmt. Während seiner fortschreitenden Krankheit verfasste Ginsberg Gebete in Gedichtform. Die letzten Texte kurz vor seinem Tode konnte er nur noch mit Hilfe von Buchstabentafeln verfassen. Seine Gebete sind ein ergreifendes Zeugnis von der Art, wie er sein Leiden annimmt. In einem seiner letzten Gedichte faltet er seine Hände - was bei seiner vollständigen Lähmung nur noch im Geiste möglich war - und betet: ,,Ich falte / die Hände, / die lahmen, / im Geist / und bete / ins Dunkel, / dass es / zerreißt."

Es gibt verschiedene Arten, wie der Mensch in ausweglosem Leiden reagiert. Es kann Revolte, stumme Resignation oder christliche Ergebung sein. Jede dieser Haltungen fordert uns Respekt und Bewunderung ab, aber für viele sehen christliche Ergebung und Gebet aus wie Flucht vor der harten Wirklichkeit und vorschnelle Unterwerfung unter den allmächtigen Herrgott. Der Schweizer Theologe Johannes Brantschen aber sieht christliche Ergebung anders: "Christliche Ergebung ist weder passives Erdulden noch blinde Unterwerfung, sondern aktive Annahme des Leidens, getragen von der Hoffnung, dass Gottes Hände uns noch dort auffangen können, wo wir ,Macher' am Ende sind. Christliche Ergebung ist keine stumme Resignation, sondern freie Einwilligung in den Willen jenes Gottes, von dem Paulus sagt, dass er denen, die ihn lieben, alles zum Guten gereichen lässt (vgl. Röm 8,28). Dieses Einswerden mit Gott, diese radikale Annahme des Leidens, die nur im Gebet erreicht werden kann, vermag den Leidenden und sein Leiden zu verwandeln. Der Leidende ist dann zwar besiegt, aber zugleich stärker geworden - wie die Liebe immer besiegt und stärker macht."

Um die christliche Ergebung in den Willen Gottes muss der Leidende ringen. Sie steht am Ende eines langen Weges durch Ängste, Klagen und Tränen hindurch. So hat es auch Ernst Ginsberg erfahren: "Ich habe viel und bitterlich geweint / in leerer Krankenzimmernacht gefangen / schwach wie ein Kind, das nach der Mutter greint / von Angst gewürgt, gejagt von schwarzem Bangen / dem nicht das kleinste Erdenlicht mehr scheint - / So, nackt und zitternd, sollt ich heimgelangen." Ginsberg wird nicht geheilt. Der Kelch des Leidens geht nicht an ihm vorüber, wie er auch an Jesus nicht vorüber gegangen ist. Voller Zuversicht aber kann er sein letztes Gebet wagen: "Nun wird es Zeit zu danken . Das Wort vermag es nicht! / Doch Du nimm den Verstummten / Herr, wortlos heim ins Licht."

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 49 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 03.12.2004

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