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Bistum Erfurt

Bauwerke zwischen gestern und heute

St. Nikolaus Melchendorf Vorzeigeobjekt beim Tag der Architekturen

Erfurt-Melchendorf (ep) - "Man muss schon viel Gefühl walten lassen, wenn man ein altes Gebäude für den heutigen Gebrauch erhalten und weiterbauen will", sagt Architekt Werner Glasebach. "Ich denke, mit der Pfarrkirche St. Nikolaus hier in Erfurt-Melchendorf ist uns dies ganz gut gelungen."

Glasebach stellte sich am vergangenen Sonntag im Rahmen des von der Thüringer Architektenkammer initiierten "Tages der Architekturen" den Fragen inte-ressierter Besucher der Kirche. Unter dem Motto "apropos architektouren" beteiligten sich an dem Aktionstag am 23. und 24. Juni Architekten und Bauherren von insgesamt 46 Gebäuden in 28 Städten Thüringens, darunter die der katholischen Pfarrkirche St. Nikolaus in Melchendorf, des katholischen Gemeindezentrums St. Kilian in Bad Liebenstein sowie das Heiligenstädter Altenpflegezentrum Hospital "Zum Heiligen Geist". Im Rahmen dieses Tages, der bereits zum wiederholten Male stattfand, sollten erneut zeitgemäße und qualitativ bedeutsame Bauten in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt werden.

In seiner heutigen Anlage geht die Pfarrkirche St. Nikolaus auf eine barocke Dorfkirche zurück. Diese wurde 1897 wesentlich erweitert. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Kirche von einer Bombe getroffen: Der Turm stürzte ein, Teile des Kirchenschiffes und der Inneneinrichtung wurden zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte unter den wirtschaftlichen Bedingungen der Nachkriegszeit und der DDR bis 1971. In den Folgejahren konnten nur die nötigsten Reparaturen durchgeführt werden. Am Ende der DDR-Zeit gab es allerdings Pläne, mit Hilfe von Geldern im Rahmen des Limex-Bauprogramms einen in einen neuen Eingangsbereich integrierten Glockenkampanile zu errichten - rund um Melchendorf war ein DDR-Neubaugebiet entstanden. 1993 wurde das Architekturbüro Glasebach damit beauftragt, ein der Nachwendezeit angemessenes Konzept für die bauliche Instandsetzung und die Gestaltung und Neuordnung des Innenraumes des Gotteshauses zu entwickeln.

Architekt Glasebach, der zum Beispiel auch die Sanierung der Bernteroder St.-Martins-Kirche begleitet hat und etwa für den Erweiterungsbau des Erfurter Bildungshauses St. Ursula verantwortlich war, versteht sich bei der Arbeit mit alten Gebäuden als "Vermittler zwischen Vergangenheit und Zukunft": "Wir haben Achtung gegenüber dem, was Generationen vor uns geleis-tet haben und versuchen dies zu erhalten. Wo es aber nicht mehr oder nur fragmentarisch vorhanden ist, sind wir bestrebt, Fehlendes heutigen Erfordernissen entsprechend sinnvoll zu ergänzen. Und damit den Blick in die Zukunft zu richten." So auch bei der St.-Nikolaus-Kirche. Zunächst wurden Dach und Fassade saniert und die Grundmauern trockengelegt. "Die Renovierung des Innenraumes der Kirche gestaltete sich sehr vielschichtig und komplex", sagt der Diplom-Ingenieur. "Galt es doch, in dem vorgegebenen Kirchengrundriss einen würdigen Innenraum zu schaffen, der heutigen liturgischen Anforderungen gerecht wird, Vorhandenes und Erhaltenswertes einbezieht und Raum für künstlerische Gestaltung lässt." Zugleich mussten denkmalpflegerische Belange im Blick bleiben.

Der Raumeindruck der Kirche wird heute vor allem von einem großen Chorfenster und den in klaren geometrischen Formen gestalteten Altarraumelementen bestimmt. Durch den Einsturz des an der Ostseite der Kirche befindlichen Turmes war der Chor beschädigt und später notdürftig zugemauert und verschalt worden. So galt es nun, eine ansprechende Lösung für den breiten Chorraum zu finden. "Von Anfang an wurden mit der Gemeinde die Fensterentwürfe und die Altarzonengestaltung überlegt", so Glasebach, der in der Begleitung eines solchen Prozesses eine wichtige Vermittleraufgabe des Architekten sieht, zumal es über ästhetische Fragen immer verschiedene Ansichten gebe. Und die gab es auch in der Gemeinde Melchendorf, wie Gemeindemitglied und Hausmeister Dieter Heinemann bestätigt. Man entschied sich schließlich für den Entwurf von Tobias Kammerer aus Rottweil. Die moderne eher abstrakte Gestaltung des großen Chorfensters thematisiert "Das Bündnis Gottes mit den Menschen nach der Sintflut". Sie ist auch von außen zu erkennen und will eine Einladung an Passanten sein, Kirche auch einmal von Innen und "als gar nicht so verstaubt" zu erleben. Das Thema des Chorfens-ters kehrt auch in den zwölf Seitenschifffenstern wieder. Auf der Grundlage von Entwürfen des Architekten entstanden in Zusammenarbeit mit dem Erfurter Metallgestalter Thomas Lindner Altar, Ambo, Tabernakel, Vortragskreuz und Ewiges Licht. Im Kirchenschiff wurden die alten Kirchenbänke nach der Restaurierung neu angeordnet. Deckengewölbe und Wände wurde auf der Basis von Farbbefunden in Graublau beziehungsweise in gebrochenem Weiß ausgemalt. "Späteren Generationen könnte es bei entsprechenden Finanzen vorbehalten sein, einmal alte Farbgebungen wieder freizulegen", sagt Glasebach. Interessant an der Kirche ist auch die Doppelnutzung der in Nachkriegszeit angebauten Sakristei, die seit der Umgestaltung nun auch als Werktagskapelle dient.

Gegenwärtig sind Bauleute dabei, das Umfeld der Kirche zu gestalten. Dabei soll die Geschichte der Kirche ein wenig zum Tragen kommen, sagt der Architekt. So sind zum Beispiel die vorhandenen Grundmauern des früheren Kirchturmes konserviert worden und lassen den Besucher deutlich erkennen, wo der Turm einmal stand. Eine alte rund einen Meter hohe Mauer, die das Kirchengelände umgibt und früher den darauf befindlichen Friedhof umschloss, wird derzeit saniert. Ein schmaler Weg soll künftig um die Kirche führen und einen Gang durch die Geschichte des Bauwerkes ermöglichen und so altes und modernes Leben in Verbindung bringen. Die meisten Melchendorfer Katholiken jedenfalls sollen gern in ihrer Kirche sein.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 27 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 07.07.2001

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