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Auf zwei Minuten

Geduldiger Ijob?

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Das biblische Buch Ijob, nach seiner zentralen Gestalt benannt, gehört zur Weltliteratur. Ijob wird oft dargestellt als Inbegriff der Geduld und Leidensbereitschaft. In Wirklichkeit aber ist er - jedenfalls am Anfang - ein ganz ungeduldiger und ungehaltener Mensch. Schauen wir uns seine Geschichte an: Ijob war ein guter und glücklicher Mann, für den alles gut lief. Und dann traf es ihn Schlag auf Schlag. Über Nacht verlor er seinen ganzen Reichtum, seine Söhne und Töchter und schließlich seine Gesundheit. Seine drei Freunde kommen und versuchen, ihre Teilnahme zu bezeugen und ihn zu trösten. In ihren Reden unterstellen sie aber ständig: ,,Du musst etwas Unrechtes getan haben, dass Gott dich so hart bestraft. Bekenne deine Schuld!"

Ijob aber stimmt ihnen nicht zu: Nein, er hat nichts Unrechtes getan. Er kann einfach nicht verstehen, dass Gott ihn so fürchterlich leiden lässt. Er ist ganz deprimiert und auch voller Zorn klagt gegen Gott. Er möchte eine Erklärung für sein hartes Schicksal.

Finden wir uns nicht selbst wieder in der Klage und Frage Ijobs? Warum geht es den Guten oft so schlecht und anderen, die keinen Gedanken an Gott verschwenden, gut? Dabei geht es nicht um die kleinen Widerwärtigkeiten des täglichen Lebens, nicht um Kopf- oder Zahnschmerzen, mit denen wir umgehen können. Aber wir werden ungeduldig und stellen harte Fragen an Gott, wenn uns übermäßiges Leid und Unglück trifft. Wie kann der gute Gott das zulassen? Habe ich das verdient, so von ihm behandelt zu werden? Und wir möchten auch keine frommen Erklärungen von Verwandten und Freunden oder von allzu beredten Seelsorgern hören! Auch der Hinweis auf eine unvollkommene und sich noch im Werden befindende Welt, in der es Pannen und Naturkatastrophen gibt, überzeugt nicht. Denn es bleibt ja die Frage: Warum trifft es gerade mich?

Hat Ijob Antwort auf seine Fragen an Gott erhalten? Ja und nein. Gott hat zunächst seinen Freunden nicht recht gegeben, die ihn überzeugen wollten, dass er schuldig vor Gott geworden sei. Und Ijob erhält keine - philosophische oder theologische - Antwort auf seine Warum-Frage. Vielmehr stellt Gott Fragen an ihn, zum Beispiel: ,,Wo warst du, als ich die Erde gegründet? Sag es denn, wenn du Bescheid weißt... Knüpfst du die Bande des Siebengestirns, oder löst du des Orions Fesseln? ... Gabst du dem Ross die Heldenstärke, kleidest du mit einer Mähne seinen Hals?" (Ijob 38-39). Was sollen diese Fragen? Sie bedeuten die Antwort Gottes: Ich bin Gott, und du nicht! Und unsere Antwort kann letztlich nur sein: Wir glauben an Gott, der ein Geheimnis ist und bleibt und vertrauen ihm, auch wenn wir ihn nicht verstehen.

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 18.11.2004

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