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Bistum Magdeburg

Gedenken

Katholiken in Halle erinnern an drei Priester, die dem NS-Regime zum Opfer fielen

Gedenken an drei katholische NS-Opfer: Propst Weber und Pfarrer Koschig vor der 1966 zu Ehren der Priester errichteten Stele auf dem Südfriedhof in Halle

Halle (ps) -"Nun ruft mich Gott, lebt wohl." Dies schrieb Carl Lampert auf den letzten Brief an seinen Bruder Julius, kurz bevor er zusammen mit Herbert Simoleit und Friedrich Lorenz in Halle hingerichtet wurde. In Erinnerung an diese drei Menschen, die bis zuletzt ihrem christlichen Glauben treu blieben, versammelten sich Hallenser Bürger und Gäste am vergangenen Samstag zum Gebet mit Propst Joachim Weber und Pfarrer Magnus Koschig von der Gemeinde Heilig Kreuz an der Gedenksäule auf dem Südfriedhof. Vor genau 60 Jahren, am 13. November 1944, wurden die drei katholischen Priester im Zuchthaus "Roter Ochse" wegen ihrer Kritik am NS-Regime umgebracht.

Diözesanadministrator Gerhard Feige eröffnete die Gedenkfeier am Nachmittag im Gemeindesaal der Dreieinigkeitskirche. "Eine Gesellschaft ohne Gedächtnis ist krank", so Feige. Dem Vergessen entgegenzuwirken, darin sieht auch Michael Viebig von der Gedenkstätte "Roter Ochse" in Halle seine Aufgabe. Neben Viebig ließen aus der Heimat der Hingerichteten Prälat Hans Fink aus Feldkirch und Pfarrer Norbert Illmann aus Wolgast die Lebensund Leidenswege der Priester Revue passieren.

Mit der Verhaftung von Carl Lampert sowie weiteren Priestern und Laien im Februar 1943 in Stettin begann der so genannte "Fall Stettin". In vertrauten Gesprächskreisen mit katholischen Soldaten, Studenten und Arbeitern hatten Lampert, Simoleit und Lorenz offen ihre Kritik am NS-Regime und ihre Meinung zum Kriegsverlauf geäußert. Vor dem Hintergrund der Niederlage in Stalingrad reagierte das Regime besonders empfindlich und bekämpfte Kritiker noch rigoroser als in den Vorjahren. Von einem eingeschleusten Spitzel angefertigte Protokolle dienten der Gestapo als Verhaftungsgrund für Provikar Lampert, Kaplan Simoleit und Pater Lorenz. Die Vorwürfe reichten von Wehrkraftzersetzung über Feindbegünstigung, Abhören verbotener Sender und Spionage bis zu Hochverrat.

Geistigen Widerstand geleistet

"Der Fall Stettin ist kein Kapitel in der Geschichte des aktiven Widerstands im Dritten Reich. Aber die drei Priester sind bis zuletzt ihren Weg als überzeugte Christen gegangen", zitierte Viebig den Berliner Prälaten Wolfgang Knauft, der in verschiedenen Veröffentlichungen den Fall erforscht hat. Nach den Erkenntnissen Knaufts haben die drei Priester die Gefährlichkeit des braunen Spitzelwesens unterschätzt. Zudem sei ihnen zum Verhängnis geworden, dass sie Glieder der katholischen Kirche und als solche generell im Visier des NS-Staates standen.

Für Viebig hingegen sind das mutige Festhalten am katholischen Glauben und die offenen Diskussionen in den Gesprächskreisen eine Form des Widerstands im NS-Staat.

Als Zeitzeuge sprach Pfarrer Hermann Scheipers, kurz zuvor noch in München zu Gast bei der Premiere des Films "Der neunte Tag" (siehe Seite 9), der sich ebenso der Thematik eines katholischen Priesters in der NS-Zeit annimmt.

Persönliche Begegnung im KZ Dachau

Der Autor des im St. Benno-Velag erschienenen Buches "Gratwanderungen -Priester zwischen zwei Diktaturen" lernte den mehrfach inhaftierten Carl Lampert 1941 im Priesterblock des KZ Dachau kennen. Scheipers erinnert sich an Lampert als einen tiefgläubigen Menschen. Durch Bemühungen in Lamperts Heimat wurde 1999 ein Seligsprechungsprozess von der östereichischen Diözese Feldkirch eröffnet.

Der "Rote Ochse" in Halle diente seit 1935 als Zuchthaus für politische Gefangene des NS-Regimes. Zwischen 1942 und 1945 starben hier über 500 Menschen durch das Fallbeil. Seit 1996 ist der "Rote Ochse" Gedenkstätte. Das einstige Zuchthaus mit den roten Klinkersteinen wird derzeit saniert und soll im Frühjahr 2005 wieder für Besucher offen stehen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 18.11.2004

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