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Bistum Dresden-Meißen

Nichts Außergewöhnliches

Evangelische Gäste im Benediktinerkloster Wechselburg

Mit Herz und Händen: Pauline u. Stefanie geben ihrer selbstgebauten

Wechselburg -Wie erleben evangelische Jugendliche ein katholisches Benediktinerkloster? Dieser Frage ging die evangelische Journalistin Beate Bahnert aus Großbothen bei einem Rüstzeitwochenende in Wechselburg nach.

"Gehen wir Sonntag nun in den katholischen oder in den evangelischen Gottesdienst?", überlegen Anna und Janine, die mit anderen Jugendlichen aus den evangelischen Kirchenbezirken Grimma / Wurzen und Rochlitz und ihren Jugendwarten an einer Rüstzeit für ehrenamtliche Mitarbeiter im "Jugend- und Familienhaus" der Benediktiner in Wechselburg teilnehmen. Sie entscheiden sich für die heilige Messe in der Basilika, denn "schließlich sind wir hier zu Gast".

Bei dieser Rüstzeit vom 5. bis zum 7. November geht es um das Lob Gottes "mit Herzen, Mund und Händen". Deshalb klingt es aus allen Räumen: Gitarristen, Gospelsänger, Schauspieler probieren sich in mehreren Workshops aus. Wer sich für weniger musikalisch oder darstellerisch begabt hält, kann eine Beatbox, eine Rührtrommel oder ein Regenrohr bauen. In der Küche duftet es nach Kaffee, dort wird ein Kokoskuchen mit Schokoladenguss verziert. Früh hatte Martin Luther Küchendienst, mittags Dietrich Bonhoeffer, abends Thomas von Aquin. Für den Kaffee ist Hildegard von Bingen zuständig -was bereits sehr ökumenisch klingt, sind die Namen der Zimmer. In den Wohnbereichen Bethlehem, Nazareth, Jerusalem und Taizé gibt es auch kleine Küchen und Ecken zum "Abhängen" und Klönen, von den Kreativräumen, dem Tischtennisboden und der internen Klosterschänke ganz zu schweigen. Hier muss man sich einfach wohlfühlen. Deshalb genießt der evangelische Jugendbetreuernachwuchs aus den Kirchenbezirken um Leipzig auch schon zum siebten Mal die Gastfreundschaft der Benediktiner über dem Tal der Zwickauer Mulde.

Das sei nichts Ungewöhnliches, meint der junge Frater Thaddäus Schreiber. Als vorreformatorischer Orden seien die Benediktiner unbelastet gegenüber "reformatorischen Fragen". Evangelische Christen hätten zudem keine Schwierigkeiten mit den von den Psalmen geprägten Gebeten der Mönche und mit dem Patronat der Basilika, einer Heilig-Kreuz-Kirche.

"Die evangelischen Christen und wir haben uns ökumenisch lieb gewonnen", versichert Frater Thaddäus. Die katholische Gemeinde "Heilig Kreuz" mit dem Pfarramt im Kloster arbeitet partnerschaftlich mit der evangelischen Gemeinde der St. Ottokirche in Wechselburg zusammen. Das Kloster selbst mit seiner weithin bekannten Basilika aus dem zwölften Jahrhundert ist nicht nur ein geistliches Zentrum, sondern auch ein Faktor für Wirtschaft, Kultur und Tourismus in der Region.

Auch über die sächsischen Grenzen hinweg hat das Angebot der Benediktiner bei Jugendgruppen, Hauskreisen, Seminargruppen und Schülern einen guten Ruf. "Am Wochenende ist das Haus immer voll, und große Gruppen müssen sich ein Jahr vorher anmelden", bestätigt Frater Thaddäus. Der studierte Theologe und Sozialpädagoge erkundet gerade mit Erwachsenen aus Thüringen Zugänge zu einer romanischen Kirche und zum Leben im Kloster für den Unterricht. Entsprechend der Bevölkerungsstruktur im mitteldeutschen Umfeld kommen auf ein bis zwei Firmgruppen zehn Konfirmandengruppen, überschlägt er. Für jede Gruppe bieten die Mönche eine Führung sowie ein Gespräch an.

Während die katholischen Gäste sich meist schnell mit Kirche und Tagesablauf zurechtfinden und ihnen der Zusammenhang zwischen Christentum und Klosterleben fraglos vertraut scheint, gibt es bei Gesprächen mit evangelischen Christen zuweilen eine ungewöhnliche Tiefe im Bewusstwerden des gemeinsamen Glaubens. So musste sich zum Beispiel Pater Rupert Sarach von Jugendlichen aus Grimma / Wurzen fragen lassen, ob er denn auch manchmal zweifle und ob er sich nicht eine Familie wünsche. Von seinen ehrlichen Antworten und seiner Freundlichkeit schwärmen Anna und Janine.

Und wie ist es mit dem Angebot der festen Gebetszeiten, etwa mit dem Morgenlob um 6.40 Uhr? Das sei nun doch etwas früh, meinen die beiden. Aber zu den anderen Stundengebeten füllt sich die Basilika mit vielen Jugendlichen. Vielleicht trauen sie sich mit der Zeit auch, die Liturgie in dem Kirchenraum laut mitzusingen -mit Herzen, Mund und Händen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 18.11.2004

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