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Die Seelsorger in der Sakristei

Menschen in der Kathedrale: Gottfried Kschidock und Thomas Hille

Dresden (kh) - Offiziell sind sie als Küster angestellt. Eigentlich aber haben Gottfried Kschidock und Thomas Hille viel mehr Jobs, erledigen sie doch an der Dresdner Hofkirche so manches, wofür anderswo Hausmeister, Seelsorger, Kassenwart oder Putzfrau zuständig sind.

Gerade auf die Reinigungsarbeiten entfällt ein Großteil ihrer Arbeitszeit, schließlich sammelt sich überall Staub an - auf dem Seitenaltären ebenso wie auf den Sarkophagen in der Gruft. Und wenn draußen um die Kathedrale herum Abfall liegen bleibt, heben ihn auch oft die Küster auf. Allerdings zählt das Saubermachen nicht gerade zu den Lieblingsbeschäftigungen der beiden. Viel lieber bereiten sie Gottesdienste vor, als zum Beispiel in Flüssigseife getränkte Sägespäne mit einem Besen über den Kirchenboden zu schieben.

Man muss einfach fasziniert sein von diesem Haus, um hier arbeiten zu können", meint deshalb Gottfried Kschidock. Er selbst hat diese Begeisterung quasi geerbt, denn schon sein Vater war Küster an der Dresdner Hofkirche. Von 1977 bis 1990 führten sie den Dienst gemeinsam aus. Dabei erlebten sie auch manch kuriose Situation, etwa, dass sich ein Kaube während der Messe eine Hostie vom Gabentisch stibitzte.

Ebenfalls etwas Ungewöhnliches ereignete sich 1994, als der Katholikentag in Dresden stattfand: Vor Beginn des Abschlussgottesdienstes habe sich ein Mann auf das Schaugerüst über dem Freialtar gesetzt und verlangt, den Bischof zu sprechen, erinnert sich Thomas Hille, der seit elf Jahren als Küster tätig ist. Statt des Bischofs sei zu dem Mann jedoch ein Polizist hinausgegangen, der sich zuvor in der Sakristei mit Talar und Bischofskappe bekleidet hatte.

Als solch ein "Theaterfundus" muss die Sakristei aber eher selten herhalten. Öfter aber dient sie als Gesprächszimmer: Immer wieder kommen Menschen mit Problemen in die Kirche und ist gerade kein Priester in der Nähe, erzählen sie schon mal den Küstern von ihren Schwierigkeiten.

Diese haben aber auch selbst ihre alltäglichen kleinen und großen Sorgen. So müssen sie sich um die Mittagszeit immer die Musik eines Leierkastenmanns anhören, der seinen Stammplatz gleich gegenüber der Sakristei hat. Thomas Hille richtet mittlerweile sogar schon seinen Dienst nach dem Straßenmusikanten aus und zählt zum Beispiel kein Geld, wenn der draußen orgelt, sondern sucht sich lieber eine andere Aufgabe in der Kirche. Aber selbst dort muss er sich ab und an ärgern, und zwar über Touristen, die in dem Gotteshaus Eis schlecken oder mit Blitz fotografieren. Er hofft deshalb, dass die Kathedrale die vielen Besucher gut verkraften wird, die nach Fertigstellung der Frauenkirche auch in die Hofkirche kommen werden.

Noch aber ist es nicht so weit. Im Jubiläumsjahr werden in der Dresdner Hofkirche auch nach den am 30. Juni zu Enge gegangenen Festwochen weiter zahlreiche Gäste erwartet. Gottfried Kschidock wünscht sich, dass es aufgeschlossene Menschen sind, die in den Gottesdiensten mitsingen und mitbeten und wie er und Thomas Hille ein Stück Freude empfinden für dieses Haus".

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 27 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 07.07.2001

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