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Bistum Erfurt

Politik in der Vertrauenskrise

In Erfurt sprachen Politiker und Kirchenvertreter miteinander

Erfurt (mim) -Sinkende Wahlbeteiligung, der Einzug rechtsextremer Parteien in die Landtage und eine steigende Anzahl von Menschen, die die Demokratie nicht mehr als die beste Staatsform empfinden: Befindet sich die politische Kultur in einer Vertrauenskrise? Dieser Frage widmete sich kürzlich ein Hintergrundgespräch im Erfurter St. Martins-Haus. Eingeladen hatten das Katholische und das Evangelische Büro, die als Kontaktstellen der Kirchen zu Parteien, Landesregierung und Landtag fungieren. "Wir wollen die Krise als Chance nehmen und bei unserem Hintergrundgespräch im Dialog mit Kirche, Gesellschaft und Politik mögliche Lösungen diskutieren", erklärte Ordinariatsrat Winfried Weinrich. Dementsprechend zahlreich erschienen neben Bischof Joachim Wanke und weiteren Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche auch Thüringer Abgeordnete des Bundes- und Landtages.

"Was der Bürger nicht verstehen kann..."

"Politikverdrossenheit ist wahrlich kein leichtes Thema, denn wenn Misstrauen in die Politik in Misstrauen in die Demokratie umschlägt, dann dürfen wir das nicht tatenlos hinnehmen", appellierte Dagmar Schipanski. Die Thüringer Landtagspräsidentin eröffnete den Abend mit einem Impuls-Referat. Im Vordergrund ihrer Ausführungen stand die Frage nach dem Warum: Warum befindet sich die Politik in der Vertrauenskrise? Löst die Politik denn wirklich die Probleme unserer Zeit? Und welche Rolle spielt dabei die Sprache der Politiker? "Der Bürger durchschaut die Politik einfach nicht mehr. Gesundheitsreform, Ich-AG, Hartz ...Wir brauchen eine für jedermann verständliche Sprache", so Dagmar Schipanski. Und sie begründete weiter: "Denn was der Bürger nicht verstehen kann, das schafft auch kein Vertrauen. Vertrauen schafft man nur durch einen transparenten Staat und den Mut zur Wahrheit -nicht durch schön reden in einer unverständlichen Amtssprache." Außerdem sprach die Landtagspräsidentin auch den Umgang der Politiker untereinander an: "Man sollte sich eher um sachliche Kompetenz bemühen anstelle von Beschimpfungen. Denn Beschimpfungen führen zu einer Abwendung von der Politik. Was bleibt, ist ein ohnmächtiges Schulterzucken, und dann gerät die Demokratie in Gefahr." Als mögliche Lösung aus der Vertrauenskrise schlug Dagmar Schipanski vor: "Eigene Lösungen und Ideen sollten mit den Bürgern diskutiert werden. Bekommen wir eine Resonanz, ist die das beste Zeichen, dass wir Politiker verstanden wurden, und das ist der erste Weg zu neuem Vertrauen."

"Wir sollten nicht so pessimistisch..."

Auch der zweite Referent des Abends, Oberkirchenrat Eduard Berger, appellierte an die Politiker, mehr das Gespräch mit den Bürgern zu suchen. "Ohne geeignete Kontaktpersonen wird das aber nichts", so Berger, der gleichzeitig Beauftragter der evangelischen Kirche beim Freistaat Sachsen ist. Seine Aussage "Politik kann gar nicht ausgenüchtert genug sein" sorgte jedoch für Diskussionen: "Finden Sie nicht, dass es in der Politik aber gerade auch Visionen braucht?", gab Bischof Joachim Wanke zu bedenken. "Wir sollten nicht so pessimistisch mit unserer Bevölkerung umgehen, sondern mehr Geduld haben", sagte Wanke mit Blick auf die geteilte Geschichte Deutschlands. Die ausgiebigen Diskussionen an diesem Abend zeigten einmal mehr, dass die Hintergrundgespräche des Katholischen und des Evangelischen Büros ihrer Tradition gerecht werden: Einen Dialog zwischen Kirche und Politik schaffen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 46 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 11.11.2004

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