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Bistum Dresden-Meißen

100 Stunden beten

Eine Tradition aus Zeiten des Wettrüstens lebt bis heute

Dresden (dw) -"Als 1983 die Aufrüstung in vollem Gange war, haben wir dazu aufgerufen, nicht eher mit dem Gebet aufzuhören, bis die Raketen weg sind", erinnert sich Manfred Bauer, der ehemalige Pfarrer der evangelischen Dreikönigskirche. Die Vorzeichen haben sich geändert, doch die Dresdner Gebetskette für den Frieden besteht noch heute.

Seit vergangenem Montag wird in der Kapelle im Haus der Kathedrale wieder täglich von 10 bis 20 Uhr für den Frieden gebetet. Bis zum Buß- und Bettag lösen sich evangelische und katholische Christen aus mehreren Dresdner Gemeinden in stündlichem Wechsel beim Beten ab.

Den Vorsatz, so lange zu beten, bis die Abrüstung perfekt ist, konnten die Dresdner Christen vor 21 Jahren zwar nicht halten. Immerhin hielten sie damals rund zwei Monate lang rund um die Uhr durch. Die Gemeinden, die sich beteiligten, verpflichteten sich jeweils für einige Stunden und hängten in ihren Kirchen Listen aus, in denen sich die Beter für einen bestimmte Stunde eintragen konnten.

Später wurde der Termin für die Gebetskette auf die Friedensdekade gelegt, die 1980 von evangelischen Landesjugendpfarrern ins Leben gerufen worden war. Und noch später verabschiedete man sich von den nächtlichen Gebetszeiten, da es immer schwieriger wurde, sie lückenlos zu besetzen. "100 Beter für den Frieden" heißt die Aktion seit einigen Jahren, da zehn Tage lang an zehn Stunden mindestens ein Christ für den Frieden betet.

Auch wenn die Zahl der beteiligten Gemeinden sank und das Durchschnittsalter der Teilnehmer steigt, die Tradition hat überlebt, und die einstigen Initiatoren sind froh darüber. Dass die Friedensbewegtheit in Deutschland insgesamt abgenommen hat, sieht Manfred Bauer ganz unaufgeregt: "Für den Frieden engagiert man sich heute eher punktuell, zu bestimmten Anlässen wie zum Beispiel dem Irakkrieg", sagt er. In Dresden brächten sich heute viele, die zu DDRZeiten unter dem Dach der Kirche für den Frieden gearbeitet hätten, bei anderen Initiativen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ein.

Auch Pfarrer Michael Ulrich, der ehemalige Leiter der Ökumenischen Arbeitsstelle Dresden, findet es gut, dass die Gebetskette beibehalten wird. "Frieden ist ein Thema, das noch immer sehr aktuell ist", sagt der Pfarrer, der katholischerseits von Anfang an dabei war. In schöner Erinnerung hat er besonders die Gebetszeiten in der Nacht: "Wenn eine Kirche die ganze Nacht über beleuchtet war, fiel das auf. Dass Passanten von dem Licht angezogen wurden, da blieben und mitmachten, ist öfter vorgekommen."

Erst seit vier Jahren findet die Gebetskette -organisiert vom Ökumenischen Informationszentrum -im Haus der Kathedrale statt, nachdem der Veranstaltungsort zuvor von Jahr zu Jahr wechselte. Die Hauskapelle hat sich in den Augen der Veranstalter bewährt, weil es hier keine Touristenströme gibt, die Besinnung schwierig machen, weil sie zentral liegt und weil sie ohnehin tagsüber durchgehend geöffnet ist.

Auch ohne vorherigen Eintrag in eine Teilnehmerliste sind Beter jederzeit willkommen. Für sie liegen Gebetsvorschläge mit Bibelworten, Liedern und Fürbitten bereit, die in diesem Jahr unter dem Thema "Recht ströme wie Wasser" stehen. Zu jeder vollen Stunde wird ein gemeinsames Gebet gesprochen. Die Gebetskette endet mit einem ökumenischen Gottesdienst am 17. November um 19 Uhr in der reformierten Kirche (Brühlscher Garten -Kanonenhof).

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 46 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 11.11.2004

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