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Aus der Region

Schlesien ist meine Heimat, Leipzig mein Zuhause

Die Vertreibung war Thema beim Leibniz-Forum in Leipzig

Leipzig (khy) -Die eigene Vergangenheit aus der Vogelperspektive noch einmal erleben -für viele, die nach 1945 aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vertrieben wurden, war das schon ein eigenartiges Gefühl. Anhand von Landkarten erklärte Winfried Halder von der Universität in Dresden die Hintergründe der Nachkriegsgeschehen. Sein Vortrag im Rahmen einer Veranstaltung des Leibniz- Forums in Leipzig hatte in der vergangenen Woche vor allem Zeitzeugen, aber auch Interessierte in die Stadtbibliothek gelockt.

"Ich habe heute Abend vieles gehört, das ich so noch nicht gewusst habe", sagt Charlotte Gottelt. Die 67-Jährige hat die Vertreibung aus ihrem Heimatort in Schlesien 1946 bewusst miterlebt. "Wir haben immer geglaubt, wir könnten irgendwann einmal zurück", erinnert sich die pensionierte Buchhalterin. "Und mein Großvater fragte noch auf seinem Sterbebett: Wann sind wir wieder zu Hause?""Rund zwölf Millionen Deutsche sind innerhalb weniger Jahre vertrieben worden, und etwa zwei Millionen kamen dabei ums Leben", sagt Winfried Halder, der zurzeit die Professur für Wirtschaftsund Sozialgeschichte an der Universität Dresden vertritt. Diese Zahlen seien jedoch nur Schätzungen. "Seit etwa 200 Jahren denken wir in der Kategorie der Nationalstaaten mit einer möglichst ethnisch-homogenen Bevölkerung", so Halder. "Doch Gebiete wie Schlesien oder das Sudetenland werden dem nicht gerecht, und es ist auch sinnlos darüber zu debattieren, zu welchem Land diese Regionen wirklich gehören." Rechtliche Voraussetzung für die gezielten Vertreibungen sei das Potsdamer Abkommen von 1945 gewesen. Zuvor habe es aber auch schon "wilde", also unkoordinierte und gewaltsamere Aussiedlungen gegeben, sagt Halder.

"Meine Freundin hat diese wilden Vertreibungen miterlebt, sie hat gesehen, wie jemand umgebracht wurde. Ich selbst habe so etwas nicht erfahren müssen", sagt Charlotte Gottelt. Seit 58 Jahren lebt sie mittlerweile in Leipzig. "Wir sind damals hierher gekommen, weil mein Onkel hier wohnte." Die Rentnerin möchte auch nicht mehr zurück nach Schlesien. Dennoch fahren sie und ihr Mann noch ab und zu in ihren alten Heimatort -einfach aus Interesse. "Die Menschen, die jetzt dort leben, das ist nicht mehr die Generation, die uns vertrieben hat." Charlotte Gottelt ist sich sicher: "Ich sage zwar immer: Schlesien ist meine Heimat. Aber zu Hause bin ich in Leipzig."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 46 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 11.11.2004

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