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Erinnerung an 1989

Pfarrer Versteege und die Wende in Nienburg

Mitinitiator der Friedensgebete in Nienburg: Pfarrer Willi Versteege.

Nienburg (mim) -Erst kürzlich waren sie zum Tag der deutschen Einheit in den Medien wieder allgegenwärtig: Die Bilder von Tausenden Demonstranten in vielen Städten Ostdeutschlands und der anschließende Jubel über den Fall der Mauer. In solchen Momenten erinnert sich Pfarrer Willi Versteege aus Nienburg oft an den Herbst vor 15 Jahren zurück. Denn der 79-Jährige war damals Mitinitiator der Friedensgebete und Demonstrationen in Nienburg.

Im August 1960 nahm der gebürtige Recklinghausener (Ruhrgebiet) seine Tätigkeit als Seelsorger in Nienburg auf. Noch heute wohnt er im dortigen katholischen Pfarrhaus, das im Herbst '89 unzähligen DDRBürgern Raum für Versammlungen bot. "Damals war ich Sprecher im Aktionskreis Halle (AKH) und eigentlich schon immer gesellschaftspolitisch aktiv", erinnert sich Versteege. Die drei Grundsätze des AKH seien es gewesen, die ihn motivierten, sich als Pfarrer zu DDR-Zeiten allen Widerständen zum Trotz politisch zu engagieren: Humanisierung, Demokratisierung und Neuinterpretation des Glaubens. "Ich war und bin davon überzeugt, dass die Demokratie die einzige Form ist, Frieden zu schaffen und zu sichern. Nur leider wird sie heute so wenig gelebt."

Für dieses Ideal setzte sich Versteege 1989 mit ganzem Herzen ein: Gemeinsam mit seinem evangelischen Kollegen hat er im Oktober '89 das erste Friedensgebet mit anschließender Demonstration zum Rathaus initiiert. "Wir haben damals einen Barkas zum Ü-Wagen umgebaut, sind mit einem Megaphon durch die Straßen gefahren und viele Menschen sind uns zum Marktplatz gefolgt", erinnert sich der Pfarrer. "Dort haben wir am Rathaus ein riesengroßes Transparent mit der Aufschrift ,Wir sind das Volk' angebracht." Jene Plakat-Aktion ist Willi Versteege besonders in Erinnerung geblieben: "Am nächsten Morgen war das Plakat verschwunden. Doch als ich abends wieder am Rathaus vorbei fuhr, sah ich, dass dort ein neues, provisorisches Transparent hing, das Jugendliche kurzerhand gemalt hatten. ,Wir sind trotzdem das Volk' stand jetzt dort geschrieben. Das ist eine Geschichte, die ich immer wieder gern erzähle."

Seither hat sich einiges geändert. "Viele Menschen sind abgewandert, für Kirche und Seelsorge ist das Leben umso schwerer geworden", sagt Versteege. Doch eine entscheidende Erkenntnis hat der Pfarrer durch den Mauerfall gewonnen: "Die Wende ist eigentlich ein Ding, über das man sich nur wundern kann. Aber durch sie habe ich die Erfahrung gemacht, dass Geschichte nach vorn hin immer offen ist. Das lässt mich nicht verzweifeln, sondern stets hoffen." Eben diese Hoffnung treibt Pfarrer Versteege noch immer an. Und umso mehr hat er sich nun der Ökumene verschrieben. "Gemeinsam sollten wir uns mit dem brennenden Thema beschäftigen: Wie kann ich von Gott sprechen und wie soll ich an ihn glauben?"

Ende des Jahres wird Pfarrer Versteege in den Ruhestand entlassen. Und blickt er schon heute auf seine langjährige Tätigkeit als katholischer Seelsorger zurück, so fällt ihm mit strahlenden Augen nur dieser eine Satz ein: "Ich würde alles noch einmal so machen ..."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 44 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 29.10.2004

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