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Keine geschlossene Gesellschaft

Ein Gespräch mit Reinhard Grütz über die katholische Kirche in der DDR

Reinhard Grütz Die Auffassungen und Haltungen unter katholischen Christen in der DDR-Gesellschaft waren vielfältiger, als dies weithin angenommen wird. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Reinhard Grütz (Erfurt / Magdeburg) in seiner Untersuchung zum Thema "Katholizismus in der DDR-Gesellschaft", die seit einigen Wochen als Publikation der Kommission für Zeitgeschichte vorliegt. Der Tag des Herrn sprach mit Grütz:

Frage: Herr Grütz, Sie haben im Rahmen Ihrer Doktorarbeit den Katholizismus in der DDR untersucht. Was haben Sie herausgefunden?

Grütz: Zunächst möchte ich betonen: Mir geht es in meiner Arbeit um die Innenperspektive des Katholizismus, also nicht um die Frage: Wie hat sich die katholische Kirche mit Partei und Staatsführung auseinandergesetzt. Meine Arbeit zeigt, wie sich seit den 60er Jahren grundlegende Wandlungen in den Leitbildern von Ehe und Familie, im Umgang der Geschlechter, im Verständnis von Gemeinde und Diaspora sowie im Priesterbild vollzogen haben. Wolfgang Tischner hat in seinem Buch "Katholische Kirche in der SBZ/DDR 1945 -1951" die These aufgestellt: Das politische System der DDR scheint wie eine Glasglocke den Katholizismus als eine Subgesellschaft konserviert zu haben, deren Entsprechungen im Westen schon in Auflösung begriffen waren. Ich bin zu anderen Ergebnissen gekommen.

Frage: Inwiefern?

Grütz: Vielleicht kann man zusammenfassend sagen: Es gab eine Entwicklung weg von Autorität und Gehorsam hin zu Partnerschaft und Möglichkeiten legitimer Kritik. Dies wurde etwa bei der Meißner Synode (1969-71) und der Dresdner Pastoralsynode und beim kleinen Katholikentreffen (1987) vor dem Dresdner Katholikentreffen deutlich, auch wenn diese Foren im Nachhinein nur sehr begrenzte Folgen hatten.

Frage: In welchen Fragen konkret gab es Wandlungsprozesse?

Grütz: Seit den 60er Jahren sind gesamtgesellschaftlich Plausibilitäten weggebrochen: zum Beispiel das Ehe- und Familienleitbild, nach dem der Vater als Stellvertreter Gottes und Hausvater der Familie vorstand und die Mutter an seiner Aufgabe nur Anteil hatte. 1969 erscheint im Leipziger St. Benno-Verlag in der Reihe "Die Hauskirche" ein Bändchen "Christliche Elternfibel". Auf einmal ist vom partnerschaftlichen Verhältnis der Eheleute die Rede, und es wird intensiv die Praxis des Familienrates empfohlen.

Veränderungen im Selbstbewusstsein der Laien lassen sich zum Beispiel gut in Ihrer Zeitung verfolgen: Bis Mitte der 60er Jahre herrscht das Bild von der lehrenden und der hörenden Kirche vor, was im Tag des Herrn etwa an immer wieder eingestreuten "Merk-Sätzen" deutlich wird, zum Beispiel: "Vergiss nicht in den Ferien die heilige Messe am Sonntag!" oder zu Beginn des Advents: "Im Advent wenigstens einmal in der Woche ins Rorateamt!" 1967 wurden diese Merksätze gestrichen. Dem wachsenden Individualitätsbewusstsein vieler Leser bemühte sich die Redaktion dialogischer zu begegnen. In den Leit- und anderen Artikeln kommen nun bisher ausgeklammerte und ungewohnte Themen zum Tragen, Streit und Kritik werden aufgegriffen, freie Mitarbeiter wie Theo Mechtenberg oder Wolfgang Trilling kommen zu Wort.

Frage: Die Rolle der Laien wurde stärker ...

Grütz: Angesichts der Bedrohung der Kirche durch die atheistische Ideologie galt es, Laienkatholiken für die kirchliche Lebenspraxis zu befähigen. Dies geschah auf verschiedenen Ebenen. So wurde die Akademikerseelsorge ausgebaut. Von 1969 bis 1972 gab es neben einem Priestergremium auch ein Beratungsgremium von Laien bei der Berliner Ordinarienkonferenz. Bereits seit 1965 wurden Diakonatshelfer ausgebildet, die angesichts der Diasporasituation Wortgottesdienste mit Kommunionausteilung feierten. Zudem entstanden trotz Schwierigkeiten gemäß dem Konzil die Pfarrgemeinderäte. Was fehlte war eine kontinuierliche, innerkirchliche Öffentlichkeit, in der Kontroversen hätten ausgetragen werden können. Kritische Katholiken sahen hier den entscheidenden Konstruktionsfehler im "Bauplan" der katholischen Kirche in der DDR.

Dennoch: Der DDR-Katholizismus hat einen weiten Weg vom Rand der Gesellschaft (Ende der 40er und in den 50er Jahren) in deren Mitte zurückgelegt, an deren Ende etwa die Beteiligung am Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung stand. Die Beschlüsse des Konzils wurden weitgehend umgesetzt: Die Altäre wurden in die Mitte der Kirchen gerückt, in den Gottesdiensten die deutsche Sprache eingeführt. Eine traditionalistische Bewegung hat sich nicht etabliert. Die theologische Wissenschaft hat trotz erheblicher Behinderungen den Anschluss an den Stand der westdeutschen Theologie behalten und sogar in Länder des Ostblocks hinein vermitteln können.

Am Ende der 80er Jahre schließlich war der DDR-Katholizismus vielfältiger als angenommen wird. Zugleich aber war die Zahl der Katholiken erheblich geschrumpft. Ideologischer Druck und Anpassung reichten bis tief in die Gemeinden hinein.

Frage: Warum beginnen Ihre Untersuchungen erst zu Beginn der 60er Jahre?

Grütz: Bis zum Mauerbau 1961 und der bis dahin leichter bestehenden Möglichkeit, in den Westen zu gehen, war die Situation für die Kirche noch nicht endgültig. Es galt, die Zeit zu überstehen, nicht aber, sich einzurichten. Dies wurde mit dem Mauerbau anders. Zudem begann in dieser Zeit das Konzil.

Frage: Was hat zu den Wandlungsprozessen geführt?

Grütz: Hier haben eine Vielzahl von Faktoren zusammengespielt: die Konfrontation mit dem SED-Staat, der sich ab den 70er Jahren vollziehende Wertewandel und die teilweise Modernisierung in der DDR, Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit der nicht christlichen Mehrheitsgesellschaft, die weltkirchlichen Veränderungen vor allem angesichts des Zweiten Vatikanischen Konzils, schließlich auch Einflüsse der bundesrepublikanischen Gesellschaft etwa über das Westfernsehen und den westdeutschen Katholizismus. Die Verknüpfung all dieser Faktoren führte dazu, dass Katholiken und katholische Kirche in der DDR ein pluralisierendes Element im Staatssozialismus waren und damit ein Ferment gesellschaftlicher Modernisierung darstellten.

Frage: Sie gehen auch der Frage nach, warum es im gesellschaftlichen Umbruch 1989/90 auf einmal soviel Katholiken in politischer Verantwortung gab?

Grütz: Im Herbst 1989 fielen die Katholiken wegen ihrer geringen Zahl nicht besonders auf, dabei waren sie aber überproportional vertreten. Ihr Engagement speiste sich aus einer gestärkten Individualität, die sie unter den Bedingungen einer teilweise extremen Diaspora durch eine kirchlicherseits bewusste Elitebildung erhalten hatten. Zudem identifizierten sich katholische Christen stärker mit dem Wertesystem der alten Bundesrepublik und wollten jetzt Verantwortung übernehmen.

Frage: Lassen sich aus dem Rückblick Perspektiven entwickeln?

Grütz: Aus der Entwicklung zu DDR-Zeiten resultiert, was heute unumgänglich ist: Die Kirche muss sich auf partnerschaftliche Weise um eine breitenwirksame Vermittlung ihrer Botschaft mühen. Zu DDR-Zeiten war dies nach innen klar, nach außen in die Gesellschaft jedoch nicht zu kommunizieren. Nur durch eine angemessene Vermittlung werden Menschen merken, dass die Kirche nichts Abgehobenes ist. Dabei sollte sich die Kirche da-rauf einrichten, dass dies in Gesellschaft und Kultur nicht widerspruchsfrei vonstatten geht.

Fragen: Eckhard Pohl

Reinhard Grütz: Katholizismus in der DDR-Gesellschaft 1960 - 1990. Kirchliche Leitbilder, theologische Deutungen und lebensweltliche Praxis im Wandel; Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Band 99; Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2004; 548 Seiten; ISBN 3-506-71730-8; Preis: 58 Euro

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 44 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 26.10.2004

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