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Auf zwei Minuten

Stufen der Demut

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Das Wort "Demut" hat heute meist keinen guten Klang. Mit ihm verbindet sich die Vorstellung von serviler Unterwürfigkeit und fraglosem Gehorsam gegenüber Autoritäten. Manchmal sprechen wir von "buckliger Demut", wenn es jemand an Selbstachtung mangelt und er seine Talente und Fähigkeiten versteckt und sich nichts zutraut. Aber ist das echte Demut?

Demut im Sinne der Bibel und der christlichen Tradition ist die gesunde, rechte Grundhaltung des Menschen für sein Zusammenleben mit anderen und gegenüber Gott, seinem Schöpfer. "Demut ist die dem Menschen eigentümliche Würde vor Gott" (Gertrud von le Fort). Der Demütige ist Realist, das heißt er ist der Wahrheit verpflichtet und macht sich nichts vor: Er weiß um seinen Wert und seine Einmaligkeit vor Gott, gleichzeitig um seine Vergänglichkeit und Begrenztheit. Er kann sich selbst mit seinen Licht- und Schattenseiten annehmen. Die gleiche Haltung nimmt er gegenüber seinen Mitmenschen an. Er ist frei von Arroganz und Verurteilung des anderen, denn er weiß: Meine Fähigkeiten und Tugenden sind Geschenk Gottes. So ist der Demütige immer auch ein dankbarer Mensch.

Romano Guardini hat in einer Tagebuchnotiz aufgezeichnet, wie sich die Haltung der Demut im Leben auswirkt. Er spricht von drei Stufen der Demut: "Ihre erste Stufe ist Bescheidenheit, welche sagt: Andere sind auch noch da und sind vielleicht besser als ich - wozu noch der Geschmack kommt, der es dumm findet, sich vorn hinzustellen." Der Bescheidene schätzt andere hoch, ist aber auch von seinem eigenen Wert überzeugt. Er hat es nicht nötig, sich auf Kosten anderer vorzudrängen und zu profilieren. Er versucht, auch die Fähigkeiten seiner Mitmenschen zu sehen und zu fördern. In diesem Zusammenhang ist Demut die Abwesenheit von übertriebenen Ansprüchen an andere und die Aufmerksamkeit für sie. Guardini: "Ihre zweite Stufe ist das Stehen in der Wahrheit, über welche die eigene Person sich selbst vergisst." Hier zeigt der Demütige sein wahres Gesicht: Er unterstellt sich der wirklichen Lage der Dinge und den Erfordernissen der Situation. Er kann von sich, seinen Stimmungen und Interessen absehen und so seine Mitmenschen und ihre Bedürfnisse verstehen. Im Englischen kommt das sehr schön zum Ausdruck in dem Wort "under-stand". Die dritte Stufe der Demut ist nach Guardini "die Liebe, die jene heilige Bewegung mitvollzieht, in welcher der große Gott sich ins Kleine hinabgeworfen hat."

Das deutsche Wort Demut lautet in seiner mittelhochdeutschen Form "diemuet", was dienende Gesinnung bedeutet. So bedeutet Demut der Mut und die Bereitschaft, anderen Menschen, besonders den Kleinen und Armen, zu dienen. Jesus Christus "war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern wurde ...den Menschen gleich" (Phil 2). Er ist "nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen" (Mk 10,45).

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 42 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 13.10.2004

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