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Aus der Region

Mission heißt: Der Welt die Augen öffnen

Dritte Tagung "Pastoral in Ostdeutschland" in Erfurt

Erfurt (mh) - "Ich habe die Vision einer Kirche, die sich da-rauf einstellt, neue Christen zu begrüßen." Mit diesem Satz des Erfurter Bischof Joachim Wanke eröffnete der Pastoraltheologe Andreas Wollbold von der Theologischen Fakultät Erfurt eine Tagung zur "Pastoral in Ostdeutschland". Evangelisation und Mission - das waren die zentralen Begriffe dieser inzwischen dritten Tagung zu diesem Thema. Veranstaltet wurde sie von der Fakultät und dem Katholischen Forum Thüringen. Teilnehmer waren rund 40 Männer und Frauen, die zum größten Teil in verschiedenen Bereichen der Seelsorgearbeit der katholischen Kirche in den Bistümern Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg tätig sind.

Mit dem Bild des Atmens machte ihnen der evangelische Theologe Eberhard Jüngel (Tübingen) deutlich, dass Mission und Evangelisation zum Wesen der Kirche gehöre. Kirche, die lebendig bleiben wolle, müsse ausatmen, müsse missionarisch sein. "Wer nur einatmet, droht am Heiligen Geist zu ersticken." Der Verdacht gegen Mission und Evangelisation innerhalb der Kirche beruhe vor allem auf einer falschen Praxis, die sich beispielsweise in einer "religiösen Uniformisierung" ausdrücke. Es sei eben nicht so, "dass ein evangelisiertes Ich dem anderen wie ein Ei dem anderen gleichen müsse". Eine falsche Voraussetzung für Mission sei auch die Unterscheidung zwischen "Kindern des Lichtes und Kindern der Finsternis". Kirche müsse nicht das Licht erzeugen, denn "die ganze Welt leuchtet schon im Licht der Gnade Gottes". Kirche müsse auf dieses Licht hinweisen. Mission und Evangelisation sei dann so etwas wie "der Welt die Augen öffnen". Bei einem solchen Grundverständnis verbieten sich für Jüngel bestimmte Missionspraktiken von selbst: Der Missionar sei nicht einer, der Wahrheiten einhämmert, sondern ein Bittender.

Eine Voraussetzung für Mission, die besonders in den neuen Bundesländern gelte, sei, "den Einzelnen in seinem sozialen und kulturellen Kontext ernst zu nehmen". Es gehe nicht um die Ausbreitung des "eigenen kirchlichen Lebensstiles", sondern um den "Ruf in die kirchliche Gemeinschaft". Jüngel erteilte einem "konfessionellen Konkurrenzkampf" in diesem Zusammenhang eine Absage: "Die Mission der Zukunft wird ökumenisch orientiert sein müssen oder sie wird nicht mehr sein." Als konkrete Möglichkeiten missionarischen Engagements für die Kirche in der heutigen deutschen Gesellschaft nannte der Theologe besonders die christlichen Schulen, die theologischen Fakultäten und die Akademiearbeit, die Militärseelsorge und das diakonisch-karitative Wirken. Ein ansprechendes, wenn auch stummes Zeugnis sei die christliche Architektur. Auch das Eintreten für den Schutz des Sonntages sei missionarisches Wirken, denn Kirche zeige dadurch, "dass wir Menschen mehr sind als die Summe unserer Leistungen". Ein konkreter Ansatzpunkt für die Verkündigung der Kirche im westlichen Teil Deutschlands sei das "Zuviel", unter dem die Menschen leiden. "Wir haben zu viel Spaß, zu viel Wissen, zu viel Leistung. Hier könnte Christus zu einer Abspeckkur führen."

Für die ostdeutsche Kirche wollte Jüngel keine solchen Vorschläge unterbreiten, weil er die Situation zu wenig kenne. Das blieb dem zweiten Teil der Tagung vorbehalten, in dem es um die Alltagserfahrungen missionarischer Praxis in den neuen Ländern ging. Drei Bereiche waren exemplarisch ausgewählt: die Pfarrgemeinde, die offene Arbeit und die Hospizarbeit. Eine missionarische Pfarrgemeinde, so Pfarrer Dr. Gerhard Nachtwei aus Burg, müsse zuerst Hemmschwellen und Ängste der Nichtgetauften abbauen. Deren Kontakt zu einer christlichen Gemeinde könne sich in drei Schritten vollziehen: Es ist schön, was ihr tut; es ist gar nicht so dumm, was ihr tut, und schließlich: Vielleicht ist es auch etwas für mich, was ihr tut. Besondere Anknüpfungspunkte, um Ungetaufte mit Kirche in Kontakt zu bringen, bieten Taufe, Trauung und Beerdigung. Hier fehlten häufig entsprechende liturgische Hilfen, klagte Nachtwei. In den liturgischen Texten müssten die Nichtchris-ten mehr in den Blick genommen werden.

Das "Kirchenkauderwelsch" beklagte auch Jesuitenpater Bernd Knüfer. Im Kontakt mit Nichtchristen habe er die Erfahrung gemacht, dass alles Theologische mit Vergleichen aus dem menschlichen Leben erklärt werden müsse. Knüfer berichtete über die Arbeit der Kontaktstelle "Orientierung" in Leipzig. Auch Ungetauften spirituelle Erfahrungen zu vermitteln, ist ein Teil der Arbeit. Die Bandbreite reicht von Meditationskursen bis zum Versuch, mit Nichtchristen zu beten - "sozusagen auf Verdacht, es könnte ja Gott geben". Knüfer ist dabei überzeugt: "Wenn man lange genug schweigt, hat Gott eine Chance zur Sprache zu kommen." Die Arbeit der Kontaktstelle setzt aber viel niedriger an - bei Beratungsangeboten und Bildungsarbeit. Dazu "müssen wir aber dorthin gehen, wo die Menschen sind." Die Zusammenarbeit mit nicht kirchlichen Träger liegt hier auf der Hand, was auch gegen Ängste vor kirchlicher Vereinnahme helfe. Deshalb halten die Mitarbeiter der Kontaktstelle beispielsweise ihre Kurse in der Volkshochschule.

Jede Missionsabsicht zu unterlassen, auch wenn sie noch so gut ist, sei eines der wesentlichen Anliegen der Hospizarbeit, betonte Elisabeth Baudisch aus Erfurt. Dass die Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen dennoch ein missionarischer Dienst ist, zeigten die Beispiele, die sie aus ihrer Arbeit berichtete, denn auch das Zuhören könne Verkündigung sein. Baudisch: "Wenn ich zuhöre, schaffe ich den Raum dafür, dass Gott seinen Weg mit dem Menschen weitergehen kann."

Citypastoral und katholische Schulen, Hospizarbeit und Militärseelsorge, offene Gemeinden und Erwachsenenkatechumenat - die katholische Kirche in den neuen Ländern hat viele Möglichkeiten, missionarisch zu wirken. Manche Möglichkeiten, die im Westen lange üblich sind -Stichwort schulischer Religionsunterricht - müssen unter ostdeutschen Bedingungen neu umgesetzt werden. Anderes entsteht in dieser Situation neu -Stichwort Lebenswendefeiern. Hier seien Experimente notwendig, so hieß ein Fazit der Diskussion. "Wir müssen viele Versuche machen. Und einiges wird gelingen!"

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 26 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 27.06.2001

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