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Ost-Bistümer haben sich bewährt

Kardinal Lehman zu Bistumsgründungen vor zehn Jahren

Kardinal Lehmann 1994, vor zehn Jahren, wurden die durch die deutsche Teilung verursachten provisorischen Kirchenstrukturen in Ostdeutschland beendet und die Bistümer Erfurt, Görlitz und Magdeburg errichtet beziehungsweise gegründet (siehe auch Seite 13). Der Tag des Herrn fragte aus diesem Anlass den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, den Mainzer Kardinal Karl Lehmann, nach einer Bilanz.

Frage: Herr Kardinal, die Bistumsgründungen waren damals nicht unumstritten. Haben sich die neuen kirchlichen Strukturen in Ostdeutschland bewährt?

Lehmann: Nach meiner Wahrnehmung haben sich die Bistumsgründungen bewährt. Von den Bischofsstädten Erfurt, Görlitz und Magdeburg aus ist es möglich geworden, die Seelsorge und die caritativen Dienste der Kirche so zu gestalten und weiterzuentwickeln, wie es die jeweils besondere Situation erfordert.

Frage: Was bringen die ostdeutschen Bistümer in die gesamte katholische Kirche in Deutschland ein?

Lehmann: Es sind wohl besonders zwei Erfahrungen, die die ostdeutschen Bistümer in unsere Kirche mit einbringen: Zum einen die Erfahrung einer jahrzehntelangen Unterdrückung der Kirche, zunächst unter den Nationalsozialisten, dann aber auch im SED-Regime der DDR. Viele Christen haben hier erlebt, dass sie aufgrund ihres Glaubens oft auch schwerwiegende Nachteile in Kauf nehmen mussten. Eine solche Erfahrung kann den Glauben stark machen und lehren, Widerstand zu leisten, wo es nötig ist. Sie sollte aber nicht dazu führen, sich abzuschotten und sich zurückzuziehen. Die Gesellschaft braucht überzeugte Christen, die auch in Politik und Wirtschaft Verantwortung übernehmen und für ihre christliche Überzeugung eintreten. Viele Christen haben in dieser Zeit auch erfahren müssen, wie schwer es sein kann, den christlichen Glauben an die nächste Generation weiterzugeben.

Die zweite Erfahrung, die die ostdeutschen Bistümer in die gesamte katholische Kirche in Deutschland einbringen, ist die Erfahrung einer extremen Dias-pora. Das Wort Diaspora kommt ja aus dem Griechischen und heißt Zerstreuung. Es bezeichnet die Situation der Katholiken, die als Minderheit unter anderen Konfessionen oder Konfessionslosen leben. Zwar gibt es auch in Norddeutschland Diasporasituationen, aber die Erfahrung als Minderheit unter überwiegend Nichtchristen zu leben, ist eine besondere Herausforderung für die Christen in den neuen Bundesländern. Hier können wir alle viel von den neuen Bistümern lernen. Zum Beispiel wie wir Erwachsene an den Glauben heranführen können. Aber auch wie sehr es auf das Glaubenszeugnis des einzelnen Christen ankommt, wenn andere für den Glauben und die Kirche begeistert werden sollen.

Frage: Die Ost-Bistümer sind zahlenmäßig sehr klein und finanziell schwach. Was raten Sie den Verantwortlichen angesichts der gegenwärtigen Diskussionen um Finanzen und Strukturen?

Lehmann: Finanzielle Sorgen gibt es ja nicht nur in den ostdeutschen Bistümern. Neben der demographischen Situation, der konjunkturellen Lage und der Steuerentwicklung sind dafür insbesondere auch die Kürzungen von Zuschüssen Dritter in vielen Bereichen verantwortlich. Sparen müssen deshalb alle Bistümer, das sollte niemand verdrängen. Einiges von dem, was in finanziell guten Zeiten einfach zu finanzieren war, muss jetzt neu überdacht und geordnet werden. Das sollte aber nicht nur Grund zum Jammern, sondern auch zum Neuaufbruch sein. Im Vergleich zu anderen Ländern, aber auch zu früheren Zeiten, geht es unserer Kirche immer noch sehr gut. Sicher bietet diese Situation auch die Chance, stärker über die Zusammenarbeit zwischen den Bistümern nachzudenken. Ich denke hier etwa an Kooperationen im Bereich der Verwaltung, zum Beispiel der Bauabteilungen. Im Bereich der Priesterausbildung oder der Bistumszeitungen gibt es ja bereits ermutigende Beispiele.

Frage: Was wünschen Sie den katholischen Christen Ostdeutschlands zum Zehnjährigen?

Lehmann: Ich wünsche den Katholiken in den neuen Bistümern zu ihrem Jubiläum missionarischen Schwung, den Mut zum Glaubenszeugnis und insbesondere auch Glaubensfreude, die andere für den Glauben begeistern kann.

Fragen: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 41 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 05.10.2004

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