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Bistum Dresden-Meißen

Erinnerung soll Mauern überdauern

Das Leipziger Agneshaus soll Anfang Januar einem Neubau weichen

Der Geschichte auf der Spur: Liselotte Maschik (vorne links) hat im Büro von Bettina Erbrich (rechts) einen Schrank des ehemaligen Leipziger Propstes Ernst Pfeiffer wieder erkannt.

Leipzig (dw) -"Das war doch der Schrank von Propst Pfeiffer!", freute sich Liselotte Maschik. Das gute Stück entdeckte sie bei einem Hausrundgang durch das Agneshaus in der Leipziger Elsterstraße 15 in einem Büro unterm Dach. Gemeinsam mit einem guten Dutzend anderer "Veteranen", die auf unterschiedlichste Weise mit dem geschichtsträchtigen katholischen Haus in Verbindung standen, ließ sie am 15. September manche alte Erinnerung wieder aufleben. Sie selbst hatte von 1955 an 30 Jahre lang als Sekretärin der Pröpste hier gearbeitet.

Bevor das Haus Anfang nächsten Jahres einem Neubau weicht, soll es im Januar eine würdevolle Abschiedsfeier geben, bei der die kostbarsten Erinnerungen noch einmal wachgerufen werden. Die Idee dazu hatten Tobias Strieder, Öffentlichkeitsreferent des Leipziger Caritasverbandes, und seine Mitarbeiterin Bettina Erbrich. Niedergerissen wird nur das Gemäuer, wollen sie gemeinsam mit den Zeitzeugen, die sie in die Elsterstraße einluden, deutlich machen. Die Lebensgeschichten und -erfahrungen, die mit dem Agneshaus verknüpft sind, sollen an die nachfolgende Generation weitergegeben werden.

Schriftliche Dokumente, die von den Anfängen des Hauses zeugen, gibt es so gut wie gar nicht mehr, nachdem das Haus 1943 Bombentreffer abbekam. Umso wichtiger ist also der Beitrag derer, die die so bewegte Geschichte miterlebt haben oder die sich noch an Erzählungen aus früheren Generationen erinnern können. "Kaum zu glauben, was sich hier alles abgespielt hat!", war am 15. September selbst von denen zu hören, die jahrelang hier ein- und ausgegangen sind.

Übernommen hatte die katholische Fürsorge das Haus vor 75 Jahren, um hier ein Frauen- und Mädchenheim zu errichten. Benannt wurde es nach der sozial engagierten Reichstagsabgeordneten Agnes Neuhaus, die den Vorläufer des Sozialdienstes katholischer Frauen gründete. Aus dem Heim entwickelte sich dann die bis heute in Caritas-Trägerschaft bestehende Wohngruppe für Mutter und Kind. Zuerst arbeiteten Nazarethschwestern dort mit, während des Zweiten Weltkriegs Ursulinen aus dem Rheinland.

Unterschiedlichste Beratungsdienste der Caritas hatten im Agneshaus im Laufe der Zeit ihren Sitz, eine Außenstelle des Diözesancaritasverbandes und eine Behindertenwerkstatt. Zeitweise wohnten geistig Behinderte hier, auch ein Säuglingswochenheim war einmal hier untergebracht und ein Mittagstisch für Mitarbeiter. Ein Intermezzo gab es auch für ein Internat mit Schwesternschülerinnen des ersten Lehrjahrs aus dem Elisabeth- Krankenhaus.

Infolge der Kriegszerstörungen an der alten Propstei hatte bis zur Fertigstellung der neuen Propstei Anfang der 80er Jahre das Leipziger Propsteipfarramt hier sein Domizil und richtete unter anderem das Pfarrbüro, Räume für Religionsunterricht und Frohe Herrgottstunden, diverse Gästezimmer, eine Pfarrbücherei, Büros des Kirchensteueramtes, der Jugendseelsorge, der Justitiare und des Polenseelsorgers, der gleichzeitig auch hier wohnte, im Agneshaus ein.

Liselotte Maschik erinnert sich zum Beispiel noch gut daran, wie sie 1979 von der Wahl Karol Wojtylas zum Papst hörte und mit der Kunde sogleich den Polenseelsorger, Pater Stanislaw Dobecki, erfreuen konnte.

"Meine Kindheit und Jugend fanden in diesem Haus statt", sagt Traudl Sakry, die bis heute in der Nähe des Agneshauses wohnt, das wegen seiner vergitterten Fenster im Volksmund oft "das katholische Gefängnis" genannt wurde. Sie hat hier einst Religionsunterricht, Jugendstunden und zahllose freudige und weniger erfreuliche Ereignisse miterlebt. Der ehemalige Hausmeister Johannes Wittwer weiß ein Lied davon zu singen, wie schwierig es noch in den 80er Jahren war, Brennstoffe für das große Haus zu bekommen.

Die langjährige Fürsorgerin Monika Kotulla erinnert sich an schwere Schicksale vieler Menschen, die sie hier einst betreut hat, als Bewohner oder Rat Suchende. Zu denen, die im Agneshaus Zuflucht gefunden hatten, gehörte zum Beispiel eine Frau, die aus einem Zwangs-Sterilisierungslager der Nazis geflohen war.

Maria Geppert, die Frau des ehemaligen Caritas-Geschäftsführers Horst Geppert, erzählt aus der Zeit, als ihr Mann 1954 seinen Dienst antrat: Er hatte damals angefragt, ob er für seine Außendienste nicht ein Fahrrad bekommen könnte, da Straßenbahnfahrten so teuer seien -16 Pfennige kostete eine Fahrt.

Doris Otto, die jahrelang ihr Büro als kirchliche Justitiarin in der ersten Etage des Agneshauses hatte, hat in ihren Unterlagen die Einladung zum 40-jährigen Bestehen der katholischen Fürsorge in Leipzig gefunden, das 1951 im Agneshaus gefeiert wurde. Jeder Gast sollte Lebensmittelmarken für Zucker und für 100 Gramm Fleisch mitbringen, ist da zu lesen. Gemeinsam mit einigen anderen "Ehemaligen" wird Doris Otto alle Erinnerungen sortieren und in eine Chronik fassen, die bis zum Abschiedsfest im Januar fertig werden soll.

Abgerissen werden soll das Haus, weil die laufenden Kosten zu hoch sind und weil eine Sanierung ebenso teuer wäre wie ein Neubau, informiert Tobias Strieder. Bis zur Fertigstellung des neuen Agneshauses werden die Caritas-Büros für anderthalb Jahre in ein Provisorium im Peterssteinweg ausgelagert. Die Mutter-und-Kind-Gruppe ist bereits in die Käthe-Kollwitz- Straße umgezogen. Ins neue Agneshaus soll neben der Wohngruppe und den anderen Caritas- Angeboten, die sich gegenwärtig bereits in der Elsterstraße 15 befinden, auch die Caritas- Schwangerschaftsberatungsstelle aus den Propsteiräumen einziehen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 40 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 29.09.2004

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