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Bistum Görlitz

Das vereinte Europa mitgestalten

Kolpingsfamilie der Gemeinde Heilig Kreuz in Görlitz beging 140. Jubiläum

Görlitz -Wäre der Schuster bei seinen Leisten geblieben, hätte es wohl eines der wichtigsten kirchengeschichtlichen Ereignisse nicht gegeben: Die Gründung eines Verbandes, der sich besonders am Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert der armen Handwerker und Gesellen annahm.

Kurz vor Vollendung seines 52. Geburtstages im Jahr 1865 starb Adolph Kolping. Der Sohn eines armen Schäfers, der zunächst das Schuster-Handwerk erlernte und als Geselle nach Köln ging, beschloss, nachdem er dort die menschenunwürdigen Lebensbedingungen erlebte, Priester zu werden. Damit begann ein Werk, das sich heute zum stärksten katholischen Sozialverband in Deutschland gemausert hat. Ebenso traditionsreich ist die Kolpingsfamilie von Heilig Kreuz in Görlitz, die am vergangenen Wochenende ihr 140-jähriges Jubiläum feierte.

Kolping sah die Not der wandernden Gesellen und handelte. 1849 gründete er den Kölner Gesellenverein, der mit Freizeitund Bildungsangeboten verhindern wollte, dass unselbstständige Handwerker sich vom Christentum entfremden und "abrutschen". Für die wandernden Handwerker wollte er Familienersatz bieten. Die Gesellen sollten menschliche Zuwendung erfahren und zu "tüchtigen Christen und Geschäftsleuten" erzogen werden. Kolping hatte damit den Nerv der Zeit getroffen: Der Verein breitete sich zunächst im Rheinland und Westfalen aus

In Görlitz fand sich im Jahr 1864 eine Gruppe von zunächst sieben Handwerksgesellen um Pfarrer Carl Stiller und gründeten den Görlitzer Katholischen Gesellenverein. Dieses Jubiläum feierten 60 Kolpingsschwestern und -brüder im Saal des alten katholischen Vereinshauses, dem Stephanushaus in Görlitz. Pfarrer Dr. Alfred Hoffmann, der sich als der "noch junge Präses der Kolpingsfamilie Heilig Kreuz" vorstellte, begrüßte die Gäste, die aus der gesamten Diözese nach Görlitz gekommen waren ebenso wie diejenigen, die den weiten Weg aus Plochingen- Wernau bei Stuttgart nicht gescheut hatten, um dieses Jubiläum zu feiern.

Der stellvertretende Bundespräses Monsignore Joseph Hosp war aus Augsburg an die Neiße gekommen. Er appellierte an die Festversammlung, dass "die Familie, die Pfarrfamilie ebenso wie die Kolpingsfamilie, hineinwirken muss in unsere Zeit, im vereinten Europa wirken muss".

Auf der Bühne versammelten sich unter der Kolpingfahne vier ehrenwerte Herren um Pfarrer Carl Stiller, um "an der ersten nachreformatorischen katholischen Gemeinde zum Heiligen Kreuze den hiesigen Verein" zu gründen. Des Rendanten wichtigste ungeklärte Frage war die nach dem Einschreibegeld in die Gesellenvereinskasse. Fünf Silbergroschen wurden einstimmig dafür festgelegt, darüber hinaus ein monatlicher Beitrag von zwei Silbergroschen und sechs Pfennigen verpflichtend.

Die Gäste aus Plochingen wollten 140 Jahre später weiterhelfen. Heinz Beuter überbrachte als Geschenke ein Tuch mit 140 aktuellen Silberlingen und enthüllte ein neues Kolpingsbild, welches jetzt in Görlitz hängen wird. "Die 52-jährige Tochter gratuliert der Mutter zum 140. Geburtstag", so Peter Walter von der benachbarten Kolpingsfamilie St. Jakobus. "Mit 88 Jahren ein Kind zu bekommen, das kommt so oft nicht vor", so Walter weiter, der für die Mutter ein Licht mitgebracht hat, welches weiterhin Licht und Wärme spenden soll.

Im feierlichen Gottesdienst am Sonntag wurden auch zwei neue Mitglieder aufgenommen: Walter Franz und Andreas Kresak erhielten aus den Händen von Präses Alfred Hoffmann und dem Vorsitzenden Reiner Seewald die Kolpingnadeln angesteckt. Seine 50-jährige Kolpingmitgliedschaft feierte Gerhard Ehme, der noch vor dem Mauerbau in den Westen ging und vor einigen Jahren wieder nach Görlitz zurückkam.

Raphael Schmidt

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 39 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 26.09.2004

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