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Der andere Reformator

Leipziger Akademievortrag über die Lebensleistung Ignatius von Loyolas

Leipzig (dw) -Als Zeitgenossen Luthers stellte der Mainzer Theologieprofessor Michael Sievernich SJ den Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, am 1. September bei einem Vortrag des Leibnizforums in der Leipziger Stadtbibliothek vor. Ein Zeitgenosse, der außer dem Anliegen, die Kirche am Evangelium ausgerichtet zu reformieren, nur wenig mit dem sächsischen Reformator gemeinsam hatte.

Ein grundlegendes Ziel der Arbeit von Ignatius, der 1491 im baskischen Loyola geboren wurde, sei es gewesen, die Menschen zu einer in Freiheit getroffenen persönlichen Lebensentscheidung vor Gott zu führen, führte Sievernich aus. Dazu dienten die geistlichen Übungen, die er entwickelte und in die er die Teilnehmer zahlreicher Kurse einführte, aber auch die Schulen, die der neu gegründete Orden noch zu Ignatius' Lebzeiten in aller Welt gründete. Dabei wurde der im Mittelalter entwickelte Fächerkanon erheblich erweitert um Unterrichtsfächer wie Geografie, Geschichte, Naturwissenschaften und Volkssprachen. Die Jesuiten förderten die aktive Beteiligung der Schüler am Schulbetrieb.

Anders als Martin Luther habe sich Ignatius für eine besonders intensive Bindung an Kirche und Papst entschieden. Er war davon überzeugt, dass ihm -was zunächst paradox scheinen mag -gerade die Bindung half, seine christliche Freiheit zu leben. Befördert worden war diese Einsicht sicherlich durch sein Bekehrungserlebnis im Jahr 1521. Damals hatte eine Kanonenkugel dem jungen feinsinnigen Lebemann ein Bein zerschmettert. Seine militärische Karriere war damit jäh unterbrochen worden. Diese Grenzerfahrung von Schmerz und äußerer Einschränkung hatte ihn zu einer großen inneren Bewegungsfreiheit geführt und zur Erkenntnis gebracht, dass er in Gott ein tieferes Glück und eine tiefere Freiheit findet als er zuvor jemals kennen gelernt hatte.

Ein weiterer großer Unterschied zu Luther, bei dem der Missionsgedanke so gut wie keine Rolle gespielt habe, sieht Sievernich in Loyolas Weltoffenheit. Noch im Gründungsjahr seines Ordens, der den offiziellen Namen "Gesellschaft Jesu" trägt, schickte er beispielsweise Franz Xaver nach Asien. Als Ignatius 1556 starb, zählte seine Gemeinschaft rund 1000 Mitglieder, die sich bis nach Japan und Brasilien etabliert hatten. Erfolglos waren allerdings die Missionsversuche im Kongo und in Äthiopien geblieben.

Die Erfolge in vielen anderen Ländern waren nicht zuletzt auf die Methoden der Gesellschaft Jesu zurückzuführen: Die Jesuiten grenzten sich bewusst von Kolonialherren ab und knüpften an die einheimischen Kulturen an. In China beispielsweise trugen sie die Kleidung konfuzianischer Gelehrter. Sie bestätigten und erweiterten das sinozentrische Weltbild. Viele Chinesen entdeckten in dieser Zeit das Christentum als Vollendung chinesischer Kultur. Während die chinesischen Missionsbemühungen infolge eines Ritenstreits mit dem Vatikan unterbrochen werden mussten, setzt sich die jesuitische Tradition in vielen anderen Ländern bis heute fort.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 38 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 19.09.2004

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