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Auf zwei Minuten

"Meinetwegen ist die Welt erschaffen worden"

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Die Überschrift dieses Beitrags dürfte Widerspruch erregen, zumindest Erstaunen hervorrufen. Darf der Mensch sich denn so wichtig nehmen auf diesem kleinen blauen Planeten im Weltall? Angesichts der ökologischen Krise sind wir aufgerufen, die Welt als Mitwelt zu begreifen und respektvoll zu behandeln. Auch Tiere und Pflanzen haben als Mitgeschöpfe ein Daseinsrecht. Der Mensch darf die Welt nicht als reines Ressourcenlager für seine Komfortsicherung ansehen, wenn sie ihm auch gegeben ist zur Sicherung und Bereicherung seines Lebens, zur Kultur. Er soll verantwortlich und weitblickend mit ihr umgehen. Die Bibel verwendet das Wort "herrschen", das leicht missverstanden werden kann. Ein guter "Herrscher" aber übernimmt Verantwortung für die ihm Untergebenen und ist auf ihr Wohl bedacht. So ist auch die Aussage im biblischen Schöpfungsbericht zu verstehen: "Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau erschuf er sie. Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen" (Gen 1,27-28). Nach dem zweiten Schöpfungsbericht ist der Mensch dazu bestimmt, die Welt zu "bebauen und zu hüten" (vgl. Gen 2,15).

Es lässt sich nicht leugnen: Nach dem jüdisch-christlichen Verständnis nimmt der Mensch eine zentrale Stellung in der Welt ein. Als Abbild Gottes ist seine Würde tatsächlich unantastbar. Unter diesem Gesichtspunkt ist es viel furchtbarer und erschütternder, wie der Mensch mit seinesgleichen umgeht als wie er seine Umwelt behandelt: Furchtbare Kriege, Massenmorde und Vergewaltigungen, Folterung und Vertreibung, Missachtung seiner Rechte ...

Eine rabbinische Geschichte (nach Mischnah Sanhedrin 4,5) bringt es auf den Punkt: Bei der Schöpfung wurde nur ein einziger Mensch erschaffen, um dich zu lehren, dass, wenn jemand nur eine einzige Person vernichtet, die Heilige Schrift es ihm anrechnet, als hätte er eine ganze Welt vernichtet, und wenn jemand eine einzige Person am Leben erhält, die Heilige Schrift es ihm anrechnet, als hätte er eine ganze Welt am Leben erhalten. Auch geschah es um des Friedens unter den Menschen willen. Ein Mensch soll nicht zum anderen sagen: "Mein Vater war größer als dein Vater"... Und endlich, um die Größe des Heiligen, gelobt sei Er, zu verkünden. Ein Mensch, der Münzen prägt, prägt viele Menschen mit einem Stempel, und die Münzen sind alle einander gleich. Aber der König aller Könige, der Heilige, gelobt sei Er, hat jeden Menschen mit dem Stempel des ersten Menschen ausgeprägt, und dennoch gleicht nicht ein Mensch dem anderen. Daher muss auch jeder einzelne Mensch sagen: "Meinetwegen ist die Welt erschaffen worden."

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 37 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 13.09.2004

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