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Aus der Region

Zivilcourage und Kompromiss

Erster Bausoldatenkongress in Potsdam erinnerte an die Errichtung der Baueinheiten vor 40 Jahren

Potsdam -Vor 40 Jahren begann in der damaligen DDR etwas, das bis zum Zusammenbruch des Ostblocks eine Einmaligkeit diesseits des Eisernen Vorhangs blieb: Am 7. September 1964 wurde die "Anordnung über die Aufstellung von Baueinheiten im Bereich des Ministeriums für Nationale Verteidigung" veröffentlicht. Zwei Jahre nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in der DDR war damit die Möglichkeit eines waffenlosen Ersatzdienstes "aus religiösen oder ähnlichen Gründen" gegeben. Freilich keines zivilen Dienstes: Die Bausoldaten, deren Schulterstücke ein Spaten zierte, blieben eingebunden in den militärischen Apparat und mussten auch in und an militärischen Objekten arbeiten.

Schikanen während ihrer Dienstzeit und teilweise massiven Benachteiligungen in der beruflichen Entwicklung ausgesetzt, durchlebten bis 1990 rund 15 000 junge Männer diesen Kompromiss. Weitere 12 000 entschieden sich dafür, ohne jedoch einberufen zu werden.

"Zivilcourage und Kompromiss" war deshalb die Überschrift des ersten Bausoldatenkongresses, zu dem die Robert- Havemann-Gesellschaft vom 3. bis 5. September nach Potsdam lud. Kein "Kameradentreffen", wie die Veranstalter betonten: Vielmehr wurden neue Forschungsergebnisse zu Motivation und Wirkungsgeschichte diskutiert, sowie der Frage nach den Visionen für heute nachgegangen.

Widerlegung von Legenden

Dazu gehörte auch die Widerlegung von Legenden. Zum Beispiel, dass die Einführung des Bausoldatendienstes vor allem Folge des beständigen kirchlichen Drängens oder gar (wie Gerald Götting 1989 behauptete) des Einsatzes der Ost-CDU war. Nach Auswertung aller Dokumente war die Regelung vielmehr vor allem Reaktion des Staates auf die nach Tausenden zählenden und oft mit Gefängnis bestraften Verweigerer der ersten Jahre der Wehrpflicht, wie der frühere Oberkirchenrat Peter Schicketanz ausführte. Joachim Garstecki, katholischer Theologe und Studienleiter der Stiftung Adam von Trott (Imshausen) betonte, dass Zivilcourage unter den Bedingungen der Diktatur oft zwangsläufig zur Widerständigkeit führe. So seien auch die Bausoldaten schon bald zu einer "institutionalisierten Plattform für Widerständigkeit mitten im Militärapparat" und darüber hinaus geworden.

Eine Wirkung, die Joachim Gauck, langjähriger Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, bestätigte. Nach seinen Beobachtungen seien unter den Aktivisten der Wendezeit besonders viele ehemalige Bausoldaten gewesen. Zugleich warnte er davor, in eine "Schemafalle" zu geraten und der "Nostalgie der Opfer" zu erliegen. Die damals richtigen Entscheidungen seien nicht automatisch auch die für heute richtigen. Das aktive Mitgestalten der Demokratie erfordere auch heute "Selbstermächtigung und Widerständigkeit". Ebenso aber die Bereitschaft, sich in die Niederungen des gesellschaftlichen Alltags mit seinen notwendigen Kompromissen zu begeben.

Die Stärke des Kongresses lag denn wohl auch darin, dass die "Fundamentalisten des Gewaltverzichtes" mit ihren Visionen und die "Realisten" des gesellschaftlichen Alltags aufeinander hörten. Gemeinsam aber stimmten wohl beide den Worten des ehemaligen EU-Administrators für den Balkan, Hans Koschnik zu, er glaube nicht an ein friedliches Miteinander, aber an die Möglichkeit eines friedlicheren Miteinanders. Und dazu brauche es Beispiele wie die der ehemaligen Bausoldaten.

Harald Krille

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 37 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 13.09.2004

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