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Bistum Erfurt

Kunstgeschichtliche Sensation

Bei Ausgrabungen in Erfurt wurde das einstige Zentrum der Stadt entdeckt

Erfurt -Um im Sandstein, an dem Mörtel und Steine kleben, eine Christusstatue zu erkennen, bedarf es schon des Kennerblicks, wie Dr. Karin Sczech, Archäologin im Landesamt für Archäologie in Weimar, ihn hat. Ihre Mitarbeiter fanden die Figur, deren Kopf fehlt, im Fundament der Martinskaserne im historischen Stadtteil Brühl in der Nähe des Bischöflichen Amtes bei Ausgrabungen. Dr. Karin Sczech spricht von einem sensationellen Fund.

Seit einigen Wochen erfolgt im Brühl die Beräumung der zwischen 1819 und 1820 erbauten Martinskaserne. Da dabei nicht nur die Fundamente des 19. Jahrhunderts beräumt werden, sondern gleichzeitig auch der teilweise belastete Boden ausgebaggert wird, erfolgte durch die Archäologen eine Begleitung und Dokumentation der Arbeiten. Kürzlich entdeckten sie dort eine Christus-Figur im Fundament und waren begeistert. Die abgebrochenen Füße konnten nach einer dreiviertelstündigen Suche ebenfalls geborgen werden. Der Kopf blieb allerdings verschwunden.

Eine erste kunsthistorische Einschätzung geht von einer Entstehungszeit im späten 13. Jahrhundert aus. Aus dieser Zeit gibt es bislang nur sehr wenige Werke, die hervorragende Qualität der Figur und die erhaltene Farbfassung machen aus dem Fund eine ganz große Besonderheit. Die kunstgeschichtliche Sensation soll jetzt an der Fachhochschule Erfurt restauriert werden und später auch der Öffentlichkeit gezeigt werden. Erkennbar sind schon jetzt das fein gearbeitete Gewand und die Wundmale am Oberkörper und an den Händen. "Die Figur ist sehr fein ausgearbeitet, sogar eine Gewandschließe ist erkennbar, ein roter Mantel und dessen blaue Innenseite", so Dr. Sczech.

Die Figur aus dem späten 13. Jahrhundert ist aber nur eines der Fundstücke der Archäologen im Brühl. Zwar sind viele historische Zeugnisse bereits durch Industriebauten zerstört, doch mit der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Thüringen als Entwickler des Stadtviertels und als Vermittler zwischen Archäologen und Investoren sind dennoch sehr interessante Funde gemacht worden. Die Vermutung allerdings, im Brühl sei die einstige Königspfalz gelegen, konnte archäologisch nicht bestätigt werden. Die zu geringe Zahl von Funden aus dieser Zeit wertet Dr. Sczech als Beleg dafür. Dafür wurden Gefäßstücke aus der Urgeschichte entdeckt, Teile aus der Eisenzeit sowie Gebäudegrundrisse und Vorratsgruben (etwa 8. Jh. vor Chr.). Auch ein Kochtopf findet sich darunter und jetzt im Landesamt für Archäologie in Weimar wieder.

Jüngere Fundstücke stammen aus der Zeit der Preußen: Erst jüngst waren die Skelette von französischen Soldaten ehrenvoll auf dem Hauptfriedhof beigesetzt worden. Bei ihnen waren auch zwei große Geschützkugeln gefunden worden.

Jetzt sehen die Archäologen auf dem Brühl noch einer Grabungsfläche mit Spannung entgegen: An der Petersstraße ist ein kleineres Stück noch nicht bebaut, hier ist eine Mühle zu erwarten, zu der wahrscheinlich der in diesem Jahr freigelegte Kanal des 12. Jahrhunderts führte.

Carsten Kießwetter

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 32 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 05.08.2004

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