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Auf zwei Minuten

Vom Wert der eigenen Erfahrung

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Wir sind heute in großem Maße Konsumenten von Fertigprodukten aller Art. Das trifft auf Nahrung und Kleidung, auf Haushaltsgeräte, auf Produkte der Medien und der Freizeitindustrie zu. Wir haben dazu noch die Möglichkeit, aus vielen Angeboten auszuwählen. Das bedeutet sicherlich Arbeitserleichterung und Zeitersparnis, kann aber auch eine Gefahr für die Entwicklung unserer Kreativität und individuellen Lebensgestaltung werden. Wir sind dabei in hohem Maße auf die Vorarbeit und die Leistungen anderer angewiesen und können den Prozess der Entstehung dieser Fertigwaren nicht verfolgen.

Wie steht es da mit unserem christlichen Glauben? Über die "Weitergabe des Glaubens" an die nächste Generation ist schon viel diskutiert worden. Ich glaube, der Ausdruck "Weitergabe" umschreibt nicht, was im Prozess des Zum-Glauben- Kommens vor sich geht. Glauben ist ja nicht die Übergabe eines Pakets von fest formulierten Glaubenswahrheiten (Dogmen), sondern Glauben heißt, sich auf den Weg der Nachfolge Christi zu begeben. Auf diesem Weg, den jeder auf seine Art zu gehen hat, gibt es Schwierigkeiten und Hindernisse, Umwege und Ungewissheiten, die man nicht theoretisch bewältigen kann.

Damit ist nicht alles über den Glauben gesagt, wie beispielsweise über die Rolle und das Vorbild der Eltern und Erzieher, der christlichen Gemeinschaft. Das aber ist gewiss: Glauben ist ein Lernprozess, den einem kein anderer stellvertretend abnehmen kann. Der Glaube ist eine persönliche Wegerfahrung. Sich in einer christlichen Gemeinschaft über die Erfahrungen auf dem Glaubensweg miteinander auszutauschen, ist oft wichtiger als die Vermittlung von Glaubenswissen. Menschen, die als Pilger auf dem gleichen Weg sind, können sich gegenseitig ermutigen und stärken.

Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho spricht in einer kurzen Weisheitsgeschichte über den Wert der eigenen Erfahrung auf spirituellem Gebiet: "Eines Nachts setzte sich der Meister mit seinen Schülern zusammen und bat sie, ein Feuer anzuzünden. ,Der spirituelle Weg gleicht dem Feuer, das vor uns brennt', sagte er. ,Der Mensch, der es anfachen will, muss den anfänglichen Rauch in Kauf nehmen, der einem das Atmen erschwert und Tränen in die Augen treibt. Brennt das Feuer jedoch einmal, verschwindet der Rauch, und die Flammen erleuchten alles ringsum, schenken uns Behaglichkeit und Frieden.' - ,Aber es könnte doch jemand anderer das Feuer für uns anfachen', meinte einer der Schüler. ,Und jemand uns zeigen, wie man es anstellt, dass kein Rauch entsteht.' - ,Tut er dies, ist er ein falscher Meister. Er kann das Feuer hintragen, wohin er will, oder es löschen, wann er will. Da er aber niemanden gelehrt hat, wie es angezündet wird, kann es gut sein, dass alle im Dunkeln bleiben.'"

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 31 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 29.07.2004

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