Eine Kirche als Symbol der Ökumene

Weihe der Nienburger Klosterkirche vor 1000 Jahren

Eine Besichtigung ist fast immer möglich. Bitte im evangelischen oder katholischen Pfarrhaus melden:
Hospitalstraße 3
Telefon (03 47 21) 2 24 16 Anfahrt über die Autobahn 14, Abfahrt Nienburg (Staßfurt). Info-Material in der Kirche.
Ausführliche Infos: www.nienburg-saale.de

Als die Nienburger Kirche St. Marien und St. Cyprian und damit auch das Benediktinerkloster am 8. August 1004 geweiht werden, ist König Heinrich II., der spätere Kaiser, persönlich zugegen. Abt der Mönche ist Ekkehard, der 1017 Bischof von Prag wird. Er hat den König eigens zu dem Fest eingeladen. Heinrich seinerseits schenkt dem Kloster zu diesem Tag Besitzungen im unteren Spreewald und in der Nähe des heutigen Doberlug-Kirchhain. Von den hohen Geistlichen der Region nehmen an der Liturgie die Bischöfe aus Havelberg, Brandenburg, Zeitz, Merseburg und Speyer teil. Der Bischof von Magdeburg, Dagan, nimmt die Weihe vor. Es ist eine große Stunde für den heute 4700 Einwohner zählenden Ort an der unteren Saale.

Hauptschiff der Klosterkirche
Blick in das Hauptschiff der Nienburger Kloster- und Schlosskirche : Heute wird das Gotteshaus von evangelischen und katholischen Christen gemeinsam genutzt. Vorn im Bild die 800 Jahre alte Monatssäule.

"Wie diese erste geweihte Kirche aussah, ist unbekannt", sagt der Nienburger Historiker und Ehrenbürger der Stadt, Dr. Erich Vogel. "Sie brannte 1050 in Gegenwart Kaiser Heinrichs III. ab. Der 1060 fertig gestellte Nachfolgebau jedenfalls war eine stilgerechte romanische, fachgedeckte Basilika mit je einem Querhaus im Osten und im Westen. Das haben Ausgrabungen ergeben", so Vogel. Im Chor war der Fußboden um etwa einen Meter erhöht. Darunter befand sich eine dreischiffige Krypta. Zwei der romanischen Rundfenster der Krypta sind noch zu sehen. Spätere Brände von 1242 und 1280 führten schließlich zur gotischen Erneuerung, welche bis heute die Kirche prägen.

Der Chor erhielt bereits um 1200 einen reichverzierten Schmuckfußboden. Dessen Reste sind heute teilweise ausgestellt. Neben einer ebenfalls rund 800 Jahre alten Monatssäule (zwölf Figuren sind mit Symbolen landwirtschaftlicher Arbeiten oder häuslicher Ereignisse ausgestattet) sind diese Fragmente Grund dafür, dass das Gotteshaus zur Straße der Romanik gezählt wird. Außer der Straße der Romanik führen heute auch die Deutsche Alleenstraße, der Saalewanderweg, der Europa-Radweg R1 und der vor kurzem ins Leben gerufene Wasserwanderweg "Das Blaue Band" immer wieder Gäste in die Stadt am Zusammenfluss von Bode und Saale.

Nienburg wird erstmals 961 urkundlich erwähnt. 975 wird ein Benediktinerkloster aus Thankmarsfelde (bei Gernrode im Harz) in die Burg Nienburg verlegt. Otto II. plant die Klöster in die Missionsarbeit östlich der Saale einzubeziehen. Der neue Ort ist dafür geeignet. 978 wird Nienburg Reichskloster. 993 überträgt Otto III. das Markt-, Münz- und Zollrecht. 1004 schließlich wird die ottonische Kirche geweiht. "Nienburg hat sich vor 1000 Jahren schnell zu einem bedeutenden Zentrum entwickelt", sagt Johannes Löffler, der mit Christel Seeber, Christel Brümmer und weiteren Mitstreitern an der Vorbereitung der 1000-Jahr-Feier beteiligt ist. "Aufgabe der Mönche war es, unter der Bevölkerung den christlichen Glauben, Kultur und Zivilisation zu verbreiten. In der Blütezeit lebten bis zu 50 Mönche in der Abtei."

Während des Bauernkrieges wird die Stadt geplündert, das Kloster bleibt jedoch verschont. Die Reformation fasst in Nienburg erst spät Fuß. 1563 übergibt der letzte Abt "gutwillig", wie es heißt, den anhaltischen Fürsten alle Urkunden. Ende des 17. Jahrhunderts werden die Klausurgebäude zum Witwensitz der Fürstinnen von Anhalt-Köthen umgebaut. Das Kloster wird Schloss, das Gotteshaus Schlosskirche. 1872 wird die Anlage samt Kirche, in der die lutherische Gemeinde beheimatet ist, verkauft. Das Schloss wird zum Industriebetrieb gemacht.

Klosteranlage Nienburg
Verheerender Eingriff: Die einstige Kloster- und spätere Schlossanlage wurde nach 1872 zur Fabrik umgebaut. Rechts sind noch heute Schornsteine zu sehen.
Dass die einstige Kloster- und spätere Schlosskirche heute von der evangelischen und der katholischen Gemeinde gemeinsam genutzt wird, hat eine 40-jährige Geschichte. Als Pfarrer Verstege 1960 nach Nienburg kam, setzte er sich unter schwierigsten DDR-Bedingungen dafür ein, die der evangelischen Gemeinde gehörende Kirche gemeinsam zu sanieren. "Wir haben in jahrelanger Sklavenarbeit das Gotteshaus restauriert. Da war es dann auch kein Problem, miteinander Gottesdienst zu feiern", sagt der Seelsorger. So wurde die gemeinsame Arbeit an der Innensanierung der Schlosskirche zu einem Weg der Ökumene. Das bezeugt unter anderen Gemeindemitglied Manfred Kreisel, der oft mit Hand anlegte und sich bis heute um anfallende Arbeiten kümmert. Nach der Wende konnte dank vieler Spenden und Fördermittel die Außensanierung erfolgen. Nun hoffen die Gemeinden, künftig auch Teile des einstigen Kreuzganges und der Klostergebäude wieder zugänglich machen zu können. Eckhard Pohl

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