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Bistum Görlitz

Keine Gerechtigkeit

Görlitzer Malteser-Geschäftsführer zu Hartz IV

Bernd Schmuck: Auf die Bedürfnisse der Familien achten.

Konjunkturflaute, Arbeitslosigkeit, Zukunftsangst -jetzt die Einführung von Hartz IV. Sozialverbände befürchten eine weitere soziale Schieflage. 20 Malteser radelten vom 10. bis 25. Juli für ein Obdachlosenprojekt in Breslau (Seite 12). Die sozialen Probleme sind global. Der TAG DES HERRN sprach mit dem Görlitzer Diözesan-Geschäftsführer des Malteser-Hilfsdienstes Bernd Schmuck über die Zukunft des Sozialstaates.

Frage: Herr Schmuck, Hartz IV kommt. Schafft das neue Gesetz aus Ihrer Sicht wirklich Gerechtigkeit?

Schmuck: Nein. Ich sehe als erstes Leistungseinbußen für viele Arbeitslose, insbesondere für viele Arbeitslose mit Kindern, da sie hier die ganze Familie mit allen Folgen betrifft. Wer glaubt, allein mit Sanktionen und Zwangsmaßnahmen Menschen in Arbeit vermitteln zu können, wird schnell eines Schlechteren belehrt werden. Dort wo Arbeit Suchende, insbesondere Jugendliche, unmotiviert an die vermittelte Arbeit gehen, weil ansonsten mit Leistungskürzung gedroht wird, entstehen Ausgrenzung und neue soziale Probleme, die wir heute noch gar nicht absehen können. Das wichtigste Kapital eines Unternehmens sind seine motivierten Mitarbeiter. Gerecht wäre, wenn die Politik, Gewerkschaften, Arbeitnehmerund Arbeitgebervertretungen mit aller Energie Rahmenbedingungen verändern würden, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Zum Beispiel durch eine weitergehende Steuerreform, Förderung von Innovation und Existenzgründungen, Mittelstandsförderung insbesondere in strukturschwachen Gebieten sowie Flexibilisierung von Tarifen.

Frage: Welche Auswirkungen könnte das neue Gesetz auf dem Arbeitsmarkt haben, wo liegen seine Chancen?

Schmuck: Im Rahmen dieser Reform hat die Politik versprochen, Erwerbstätigkeit, Arbeitsvermittlung und Abbau von Vermittlungshindernissen zu fördern. Der Grundsatz "Fordern und Fördern" ist nur dann vertretbar, wenn wirklich Arbeitsangebote gemacht werden. Das setzt wiederum voraus, dass die individuellen Probleme der Arbeitslosen erkannt, effektive berufsqualifizierende persönliche Hilfen, auch durch Fachkräfte der Sozialarbeit, angeboten werden. Es wird also maßgeblich von der Qualität der Beratung abhängen, gerade auch im Hinblick auf die bisherigen Sozialhilfeempfänger, ob es gelingt über die Erwerbslosigkeit hinaus, die Bedürfnisse einer ganzen Familie in den Blick zu nehmen.

Frage: Der Druck auf die Arbeitslosen soll verstärkt werden. Ist es aber gerade im Osten nicht schon so, dass viele Leute auch für weit weniger Geld arbeiten würden, aber selbst im so genannten Niedriglohnbereich nichts finden?

Schmuck: Im gesamten Bundesgebiet, nicht nur im Osten gibt es Menschen, die Anspruch auf Arbeitslosenhilfe haben und nicht arbeiten wollen. Ich bezweifle aber, dass mangelnde Motivation die einzige Ursache für die hohe Zahl an Arbeit Suchenden in Deutschland ist. In einigen Jahren werden wir wissen, ob es daran lag oder ob es einfach nicht genug Arbeit für alle gibt. Wir haben in Görlitz täglich Anfragen nach Beschäftigung. Dabei ist den Arbeit Suchenden vornehmlich wichtig, ob und was für Arbeit zur Verfügung steht, danach erst kommt die Frage nach dem Wieviel.

Frage: Wo liegen die Aufgaben der kirchlichen Sozialverbände bei der Vermittlung der notwendigen Reformen?

Schmuck: Solange noch Gestaltungsspielraum in der Ausführung besteht, müssen alle Sozialverbände mit ihren Kompetenzen mitwirken, um diese Reform sozial verträglich und nutzbringend für die Betroffenen zu gestalten. Ich glaube aber, wir werden weniger mit der Vermittlung der Reformen, als vielmehr mit den Auswirkungen zu tun haben. Die kirchlichen Sozialverbände werden sich in nächster Zukunft neuen Nöten gegenüber sehen: Armut, Obdachlosigkeit, Kriminalität, Ausgrenzung.

Frage: 20 Malteser sind 14 Tage lang rund 1600 Kilometer von Brüssel nach Breslau für einen guten Zweck geradelt -auch durch Görlitz. Werden solche spektakulären Aktionen in Zukunft notwendiger?

Schmuck: Hoffentlich bedarf es nicht immer spektakulärer Aktionen, um zu Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe aufzurufen. Jede Not, nah und fern, birgt die Möglichkeit in sich, lindern und helfen zu können.

Fragen: Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 31 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 29.07.2004

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