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Aus der Region

Besser langsam

In Weßnig bei Torgau gibt es seit einem Jahr eine Fahrradkirche

Macht aufmerksam: Das Zeichen für die Radfahrerkirche Weßnig.

Weßnig (mh) -Eigentlich war die kleine Dorfkirche in Weßnig schon dem Verfall ausgeliefert, denn 1970 hatte die evangelische Kirche das Gotteshaus aufgegeben. Heute herrscht hier wieder buntes Leben, denn vor einem Jahr wurde die Kirche als erste deutsche Radfahrerkirche eröffnet. Tausende Radfahrer haben hier inzwischen Station gemacht. Sie können in und um die Kirche einen Moment Ruhe finden, in der Bibel lesen, ein Gebet in das Fürbittbuch schreiben oder die Informationstafel studieren, die über die ehrgeizigen Pläne von Pfarrer Tobias Krüger und seinen 150 Christen informieren.

Die Lage der Kirche direkt am Elbe-Radweg zwischen Dresden und Dessau war Auslöser für die Idee Radfahrerkirche, sagt Pfarrer Krüger. Vergleichbar ist das Anliegen etwa mit dem der bekannten Autobahnkirchen. Die Gemeinde verband die Idee mit dem Bemühen, eine der ältesten Kirchen der Region zu erhalten. Ehe die großen Pläne von einem Gewächshaus mit biblischen Pflanzen, einer Ausstellung zur Grabkunst oder der Kunstinstallationen im Innenraum der Kirche in Angriff genommen werden können, muss unbedingt das Dach repariert werden. Kosten von bis zu 180 000 Euro, schätzt Pfarrer Krüger dafür. "Wenn wir das Dach dicht haben, wird alles andere sich ergeben", sagt er zuversichtlich und trotz der momentan eher undurchschaubaren Fördergeld-Politik. Eine Studie soll jetzt die untersuchen, wie realisrisch die Pläne sind. Eine neue Glocke läutet inzwischen schon mal vom 1992 sanierten Kirchturm.

Radfahrer aus ganz Deutschland wünschen dem Vorhaben gutes Gelingen. Das zeigt der Blick ins Gästebuch, in dem sich Einträge von Radfahrern aus Nürnberg und dem Ruhrgebiet, aus Heiligenstadt und Dresden, aus Bremen und Westfalen finden. Wie viele Besucher inzwischen in der Kirche waren, weiß der Pfarrer nicht. Seit kurzem gibt es deshalb einen Kasten, in den jeder Besucher einen Stein legen soll. "Zwischen dem 20. Juni und dem 18. Juli waren es 1000 Steine."

Der Radfahrerkirche soll nicht nur ein Rastplatz für Körper und Seele sein. Wichtig ist Pfarrer Krüger auch die theologische Dimension: "Chancen der Langsamkeit" oder "besser langsam" heißt das Motto. "Hier geht es um Fragen unseres Lebensstiles. Müssen wir die Schönsten, Reichsten, Schnellsten und Klügsten sein? Oder kommt es nicht viel mehr darauf an, auf das Ende zu sehen? Und das kostet Zeit und Geduld." Die in der Kirche geplante Ausstellung soll zur Ausseinandersetzung mit diesen Fragen anregen. Bis dahin wird es noch eine Weile dauern. Die Kirche besuchen kann man trotzdem, sie ist tagsüber immer geöffnet. Und vielleicht kann man auch ohne Ausstellung schon entdecken, "dass Langsamkeit und Zeit haben jede Menge Chancen in sich birgt".

Im TAG DES HERRN-Verbereitungsgebiet gibt es inzwischen mehrere Radfahrerkirchen:

• in Reinhardtsbrunn (bei Gotha) im Thüringer Wald,
• in Wehlen (Sächsische Schweiz) am Elberadweg;
• in Diehsa (bei Niesky) am Froschradweg,
• in Eberstedt (Weimarer Land) am Ilm-Radwanderweg.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 31 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 29.07.2004

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