Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Bistum Magdeburg

Eine Chance, die eigenen Sinne zu schulen

Hallesche Behinderten-Werkstätten laden in ihren Duft- und Tastgarten ein

Minze oder Melisse? Daniel Hecht und sein Arbeitsgruppenleiter Uwe Borrmann sind dabei, es herauszufinden.

Halle / Magdeburg (cpi/db/tdh) -Täglich sind die Menschen einer Flut von Sinneseindrücken ausgesetzt. Diese zu bewältigen ist schon für Gesunde, die sprichwörtlich alle Sinne bei sich haben, schwer genug. Wie ergeht es aber Menschen, die ihre Umwelt aufgrund einer körperlichen, seelischen oder geistigen Beeinträchtigung nur eingeschränkt erfahren und erleben können?

Der Duft- und Tastgarten der Halleschen Behindertenwerkstätten will hier Hilfestellung geben. Er bietet sehschwachen, blinden, geistig und mehrfach behinderten Menschen die Möglichkeit zu lernen, sich besser in ihrer Umwelt zurechtzufinden. Zum Beispiel dem mehrfachbehinderten Daniel Hecht. "In unserem Duft- und Tastgarten kann ich als Sehbehinderter verschiedene Pflanzen anfassen und zum Beispiel anhand der Blätter unterscheiden lernen", sagt der 19- jährige, der erst seit einigen Wochen in den Behindertenwerkstätten tätig ist, die korporatives Mitglied der Caritas sind.

Ende Juni wurde der Sinnesgarten im Blumenauweg 59 im Stadtteil Heide-Nord eingeweiht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mit dem Garten ist ein Ort entstanden, an dem der Besucher darin bestärkt wird, über das eigene Vermögen zu staunen, nämlich Düfte, Farben, Formen und Materialien neu zu entdecken. "Er soll eine Schule der Beobachtung und Wahrnehmung sein", so Geschäftsführer Norbert Wendt. Dabei soll der Garten nicht belehren, sondern aufmuntern, angesichts einer komplizierten Welt nicht zu resignieren. Die Errichtung des Gartens kostete 120 000 Euro. Das Geld kommt zur Hälfte von der Bundesagentur für Arbeit, während sich die zweite Hälfte zu 30 Prozent aus Fördermitteln der Aktion Mensch und zu 20 Prozent aus Eigenmitteln des Trägers zusammensetzt.

Tastendes und berührendes Erkunden der Pflanzen und Materialien ist dem Garten geradezu erwünscht. So stehen im Tastbereich Blätter, Sprossen, Blütenformen, Früchte von Pflanzen sowie die für die Gartengestaltung verwendeten Materialien wie Steine und Holz im Mittelgrund. Der Duftbereich lässt den Besucher die Aromen von Pflanzen erleben. So können zum Beispiel zahlreiche aromatische Küchenkräuter präsentiert werden. Auch Pflanzen aus anderen Regionen der Welt sind zu finden. Durch Mauern, Palisaden oder Hölzer ist das Gelände künstlich angehoben, so dass der behinderte Mensch direkt in Kontakt mit den Pflanzen treten kann. Durch diese Bauweise soll auch für Rollstuhlfahrer eine Nutzung des Gartens möglich sein.

Der Duft- und Tastgarten bietet den Beschäftigten der Behindertenwerkstätten Gelegenheit, neben ihren Arbeitsaufgaben immer wieder die Chance zu ergreifen, die eigenen Sinne zu schulen. Zudem sollen Lehrgänge im Berufsbildungsbereich dazu dienen, einen Arbeitsplatz in der Garten- und Landschaftspflege der Werkstatt zu finden, wozu der Duftgarten motivieren kann. Besucher des Förderbereiches und Bewohner der Wohnstätten können das Angebot ebenso annehmen. Und auch als Lehrobjekt für Kindertagesstätten, Schulen und Institutionen der Stadt soll er zugänglich sein.

"Das Ziel des Duft- und Tastgarten kann nur gelingen, wenn wir es als Gemeinschaftswerk ansehen. Er soll Ort der Begegnung werden zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen. Nichts eignet sich besser gegen Abbau von Vorurteilen wie die persönliche Begegnung", so Wendt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 30 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 22.07.2004

Aktuelle Buchtipps