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Auf zwei Minuten

Religion hat Zukunft

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Für viele Menschen unserer Breiten ist das eine vollmundige Behauptung, von der sie nicht überzeugt sind. Man sieht doch: Es lässt sich ohne Glauben an Gott ganz gut leben. Und die gläubigen Menschen sind in ihrem ethischen Verhalten auch nicht besser als die ungläubigen. Bert Brecht beantwortet die Frage nach der Existenz Gottes in einer seiner Geschichten des Herrn Keuner so: Würde sich dein Verhalten ändern, wenn du an Gott glaubst, ,,dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott." Brecht scheint sagen zu wollen: Wenn du den Glauben an Gott nötig hast, bediene dich seiner! Für alle trifft das nicht zu.

Die Frage ist: Gibt Religion, der Glaube an Gott dem Menschen nicht doch Antwort auf Fragen, die die Wissenschaft nicht lösen kann? Werden nicht auch Menschen, die sich bewusst als nicht gläubig bezeichnen, mitgetragen von Überzeugungen und Grundhaltungen, die ursprünglich religiös sind? Mit anderen Worten: Leben die Menschen in einer ,,nachchristlichen" Gesellschaft nicht doch auch von den Zinsen und Zinseszinsen eines vormals lebendigen Glaubens? Rubem Alves, Pfarrer und Professor für evangelische Theologie, sagt über den Sinn von Religion: ,,Wir dürfen uns durch den Überschwang der Symbole und Gesten von nah und fern, von gestern und heute nicht verwirren lassen; das Thema der Melodie ist immer dasselbe; es sind Variationen über ein vorgegebenes Thema. Die Religion spricht über den Sinn des Lebens: Dass es sich lohne zu leben und dass man glücklich werden könne und lächeln dürfe. Was die Religionen insgesamt fordern, ist nichts weiter als eine Reihe von Vorschlägen für das Glück. Hier liegt der Grund, weshalb die Menschen trotz aller wissenschaftlichen Kritik an der Religion nach wie vor von ihr fasziniert sind. Die Wissenschaft versetzt uns in eine eisige und mechanische Welt, die zwar mathematisch stimmt und technisch verbessert werden kann, der es jedoch an menschlicher Bedeutung fehlt und die von unserer Liebe nicht angerührt wird. Treffend sagt Max Weber, die bittere Lektion, die einen die Wissenschaft lehre, sei, dass man den Sinn des Lebens nicht durch eine noch so vollkommene wissenschaftliche Analyse finden könne. Aus dem Paradies sind wir zwar vertrieben worden, aber Reste der Frucht der Erkenntnis haben wir dennoch in Händen ...".

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 29 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 16.07.2004

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