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Aus der Region

Jeder kann die Bibel lesen

Der Erfinder des Bibel-Teilens

Bischof Lobinger: Beim Bibel-Teilen habe ich keine dogmatischen Ängste.

Der aus Deutschland stammende südafrikanische Bischof Fritz Lobinger (Aliwal) ist einer der Erfinder des Bibel-Teilens, das heute vielerorts praktiziert wird. Eine besonders wichtige Rolle spielt es im Leben der "Kleinen christlichen Gemeinschaften" in Asien. Der TAG DES HERRN sprach mit Bischof Lobinger anlässlich eines Besuches in Dresden:

Frage: Herr Bischof, wie ist das Bibel-Teilen entstanden?

Lobinger: Viele Christen denken, wenn es um die Bibel geht, können sie nicht mitreden, weil sie dafür nicht gebildet genug sind. Wir haben deshalb eine Methode für den Umgang mit der Bibel gesucht, bei der alle mitmachen können. Besonders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hatte sich ja die Idee verbreitet, dass jeder Christ in der Bibel lesen kann. Aber: Wie machen wir das? Wir haben damals die verschiedenen Erfahrungen zusammengetragen, die es in Südafrika im Umgang mit der Bibel gab und daraus entstand das Bibel-Teilen. Das Wichtige am Bibel-Teilen ist seine Grundidee: Jeder kann die Bibel lesen.

Frage: Wie wird das Bibel-Teilen bei Ihnen in Südafrika praktiziert?

Lobinger: Bei uns gibt es die so genannten Nachbarschaftsgemeinden. Das sind kleine Gruppen, die sich einmal in der Woche am Abend nach der Arbeit für eine bis eineinhalb Stunden bei einem Gruppenmitglied treffen. Jede Gruppe hat einen Leiter, aber das Bibel-Teilen wird vom Einladenden geleitet. Er braucht dafür keinerlei Vorwissen, er muss nur lesen können. Beim Bibel-Teilen geht es nicht um Bibelwissen, sondern um Gemeinschaftsbildung. Wir in dieser Straße, in diesem Vorort, in diesem Dorf -wir tun das jetzt gemeinsam. Aus dem Bibelgespräch entstehen dann auch konkrete Aufgaben, die die Gemeinschaft übernimmt. Das heißt zum Beispiel, die Gruppe sorgt sich um Alte, Kranke oder Einsame, sie sorgt sich um die Neuankömmlinge oder um die Gestaltung eines Festes oder einer Beerdigung. Manche kümmern sich um die Katechumenen oder um die Kinderkatechese in der Nachbarschaft.

Frage: Sie sagten, für das Bibel- Teilen ist kein Vorwissen notwendig. Ist ein solches Herangehen an die Bibel angesichts der bibelwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht problematisch?

Lobinger: Diese Frage wird mir in Deutschland immer gestellt. Ich habe selbst unzählige Male das Bibel-Teilen mitgemacht, da kam nie ein solches Problem auf. Im Zusammenhang mit dem Bibel-Teilen habe ich keine dogmatischen Ängste. Natürlich können Fragen auftauchen. Aber um diese zu lösen haben wir andere Möglichkeiten: zum Beispiel die Mitarbeiterschulungen. Für die Leiter der Nachbarschaftsgemeinden finden regelmäßig Schulungen statt. Wenn während des Bibel- Teilens ein Problem aufgetaucht ist, dann wird das in der Mitarbeiterschulung besprochen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang für das Bibelteilen der Grundsatz: Wir kommentieren nicht. Jeder sagt, was für ihn wichtig ist. Und auch wenn ich denke, das ist verkehrt, und wenn ich schockiert bin: Es wird nicht kommentiert. Das ist wichtig, damit keiner Angst hat, etwas zu sagen. Jeder muss sagen können, was er spürt. Und die anderen müssen das respektieren.

Frage: Was hat sich, seitdem Sie in Ihrem Bistum das Bibel-Teilen praktiztieren,verändert?

Lobinger: Wenn ich die Gemeinden besuche, versuche ich immer auch am Bibel-Teilen teilzunehmen. Die Leute sollen sehen, dass mir als Bischof das wichtig ist. Und wenn ich dann frage, warum Bibel-Teilen ihnen wichtig ist, sind die Antworten immer die gleichen. Die erste Antwort ist: Wir haben die Bibel kennen gelernt. Und die zweite: Jetzt trauen wir uns, über unseren Glauben zu sprechen. Wir haben keine Angst mehr, etwas Falsches zu sagen. Wir sind Kirche - dieses Bewusstsein ist gewachsen.

Interview: Matthias Holluba


Stichwort: Bibel-Teilen in sieben Schritten

1. Einladen: Wir werden uns bewusst, dass der Herr in unserer Mitte ist. Im Gebet wird Jesus in die Mitte der Gruppe eingeladen.

2. Lesen: Ein Text aus der Bibel wird ausgewählt und von verschiedenen Teilnehmern langsam und andächtig gelesen.

3. Verweilen: Teilnehmer suchen Textstellen heraus, die sie berührt haben und sprechen sie mehrmals laut und betrachtend aus.

4. Schweigen: Wir sprechen nicht Gott im Gebet an, sondern werden still und hören in uns selbst darauf, was Gott uns sagt.

5. Austauschen: Hier wird nicht diskutiert, sondern mitgeteilt, welches Wort uns besonders berührt hat.

6. Handeln: Ein Wort des Lebens soll in der nächsten Woche unser konkretes Handeln begleiten.

7. Beten: Wir beten miteinander. Alle sind eingeladen, ein freies Gebet zu sprechen. Wir schließen mit einem Gebet oder Lied, das alle auswendig können.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 29 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 16.07.2004

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