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Aus der Region

"Haben Sie jemals Engel gesehen?"

Die Bautzner Domschatzkammer zeigt Werke von Friedrich Press

Ecce homo

Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar". Diese Worte des Expressionisten Paul Klee hat sich eine ganz Künstlergeneration am Beginn des letzten Jahrhunderts zu eigen gemacht und damit die Auffassung von Kunst, von Formen und Gestaltung, verändert, ja buchstäblich auf den Kopf gestellt. Das Sichtbare der wahrnehmbaren Außenwelt kann spätestens seit dem "radikalen Konstruktivismus" um die Jahrhundertwende nicht mehr den Anspruch der Objektivität erheben. Schon die verschiedenen Standpunkte der Betrachter entwerfen eine eigene Außenwelt, die sich nur "im Kopf" des Einzelnen abspielt. Und dies gilt nicht nur für Menschen und Natur, sondern auch für historische Ereignisse und besonders für religiöse Inhalte.

Als ein Cottbuser Theologiestudent im Auftrag seines Pfarrers in den 80er Jahren zwei Engelfiguren beim Künstler Friedrich Press in Dresden abholen sollte, staunte er nicht schlecht. Der junge Mann bekam zwei Holzbohlen mit Aushöhlungen präsentiert, die man nur mit einiger Fantasie als Augen identifizieren konnte. "Das sollen Engel sein?", mokierte sich der Student, worauf der Bildhauer etwas zögernd, aber bestimmt antwortete: "Haben Sie jemals Engel gesehen?

Damit ist das Schaffen eines Künstlers angezeigt, der im Westen einer breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt geblieben ist: Abstraktion statt unmissverständliche Formen, Reduzierung auf das Wesentlichste, Freiheit der Interpretation. Friedrich Press (1904 bis 1990) machte in der Nachkriegszeit vor allem auf dem Gebiet der DDR durch außergewöhnliche Kirchenraumgestaltungen auf sich aufmerksam. Am 7. September wäre sein 100. Geburtstag. Unter dem Titel "Glauben - schauen" ist dem gläubigen Katholiken jetzt eine Sonderausstellung in der Bautzner Domschatzkammer gewidmet. Gezeigt werden 15 Holzskulpturen - vornehmlich Marien- und Christusdarstellungen -, die vor allem aus dem Spätwerk stammen. Es sind Leihgaben der Kunstsammlung des Bistums Würzburg, die europaweit über die größte Sammlung zeitgenössischer christlicher Kunst verfügt und die auch den Nachlass des Künstlers verwaltet.

Friedrich Press wurde am 7. September 1904 im westfälischen Ascheberg geboren. Nach einer Lehre zum Holz- und Steinbildhauer in Münster besuchte er von 1924 bis 1926 die Kunstgewerbeschule in Dortmund, anschließend studiert er in Berlin-Charlottenburg, bevor er nach Dresden kommt. Nach dem Studium lebte er bis 1935 als freischaffender Künstler in einem mittelalterlichen Wohnturm in Davenberg / Westfalen. In dieser Zeit schuf er seinen "Christuskopf", der 1932 auf Ausstellungen in Münster und Berlin große Aufmerksamkeit erregte. Diese Skulptur wurde kurze Zeit später von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. 1946 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft ins zerstörte Dresden zurück. Seine Werke sind von einem tiefen christlichen Glauben geprägt. Von staatlicher Seite wird sein Wirken in der DDR fast vollständig ignoriert. Dafür erhielt er internationale Anerkennung: Im Jahr 1980 wurde er zum Mitglied der Akademie der Künste zu Parma /Italien gewählt. Im Mai 1985 verlieh ihm seine Heimatgemeinde Ascheberg das Ehrenbürgerrecht.

Was ihm die DDR versagte, fand Press bei den Kirchen: Ein reiches Betätigungsfeld. In ganz Deutschland schuf er für über 40 Kirchen Altäre, Kreuze und Plastiken und gestaltete Kirchenräume. Die theologische Entwicklung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) kam ihm dabei entgegen. Die Kirche, der heilige Ort, bleibt für Press zeitlebens die äußere Hülle des figurativen Anlasses - spätere Versuche staatlicher Stellen, ihn doch noch für sich zu gewinnen, schlugen fehl.

Das Grab von Friedrich Press in DresdenPress ist ein Kind seiner Zeit. Beeinflusst von den Expressionisten und dem späten Ernst Barlach ist es die abstrakte Formgebung, die seine Werke bestimmen. "Reduzierung ist das wesentlichste Element im Werk des Künstlers", erläutert die Leiterin der Bautzner Domschatzkammer, Birgit Mitzscherlich. Etwas, was den üblichen Sehgewohnheiten wenig entgegenkommt. Wesentlichen Elemente bewahrt er dennoch den ihnen angemessenen Platz. Dies wird besonders an den Augen der Figuren deutlich, ihrem Schauen und ihrer gegenseitigen Zuwendung. Mitzscherlich: "Press arbeitet bewusst mit Figuren, die dem Betrachter bekannt sind. Aber er reduziert bis zur absoluten Essenz."

Der Künstler lässt das Publikum mit seinen Werken allein - es gibt keine gültigen Interpretationsmuster, keine sichere Auslegung oder etwas, woran man sich halten kann. Es tauchen vielmehr Fragen auf, die den Menschen betreffen und eigentlich ihn die Mitte rücken: "Was habe ich für eine Sicht von der Welt, von anderen Menschen, was bleibt am Ende übrig?" Der Künstler will, dass der Betrachter sich mit seiner Kunst auseinandersetzt und - ganz im Sinne der modernen Hermeneutik - seine eigene Geschichte mitbringt. Erst das ermöglicht ihm, sich auf Gott und den Menschen einzulassen und damit seinen eigenen Platz in der Welt zu finden. Friedrich Press starb am 5. Februar 1990 und ist in Dresden-Loschwitz beerdigt.

Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 28 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 08.07.2004