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Auf zwei Minuten

Die Krise als Chance

von Pater Damian

Pater Damian Meyer Das alte Klagelied ist bekannt, und wir stimmen meistens ein: Die Kirche und ihr Einfluss auf die Gesellschaft ist in unseren Landen auf dem Rückzug, die Mitgliederzahlen schrumpfen, die Gottesdienstbesucher werden weniger, ebenso die Taufen und kirchlichen Eheschließungen ... Wir brauchen das Lied nicht zu Ende zu singen.
Dass die Kirche in einer Krise steckt, ist auch keine neue Erkenntnis. Es fragt sich nur: Sollte die Kirche nicht zu jeder Zeit in der Krise sein? Das aus dem Griechischen stammende Wort "krisis" bedeutet "Entscheidung, entscheidende Wendung". Und der chinesische Ausdruck für "Krise", "wei-chi", beinhaltet zwei Gesichtspunkte: "Gefahr" und "Gelegenheit, Chance". Neue gesellschaftliche Entwicklungen und Situationen erfordern von der Kirche immer wieder Entscheidungen. Die Gefahr besteht darin, alle Änderungen und Entscheidungen am Maßstab einer überkommenen Kirchengestalt zu messen, sie auf eine bestimmte Sozialgestalt festlegen zu wollen. Zu jeder Zeit ist die Kirche als "semper reformanda" aufgerufen, aus ihrem Ursprung und den Quellen der Tradition neu anzusetzen.
Durch verschiedene Pastoralpläne und Strategien wird versucht, den Abwärtstrend der Kirche aufzuhalten. Man greift dabei oft auf die Erfahrungen effektiven Managements zurück und auf Werbekampagnen, die ihre Herkunft aus der erfolgreichen kommerziellen Welt nicht leugnen können. Welches Gottesbild steckt dahinter? Glauben wir nicht lieber an einen starken, mächtigen, "erfolgreichen" Gott, der in einer starken und einflussreichen Kirche wirkt, als an den armen Christus mit den Wunden und der Dornenkrone, der gesagt hat: "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen"? Unsere Kraft liegt nicht in einer technischen Überperfektion und in gutem Management. Wir müssen nicht den letzten Standards der Moderne entsprechen, sondern uns auf die Aufgabe konzentrieren, den modernen Menschen dort anzusprechen und ihm zu begegnen, wo die Gesellschaft ihn im Stich lässt: in seiner Personwürde, in seiner Sehnsucht, getröstet, angenommen und beheimatet zu werden. "Der Herr hat seiner Kirche nur einige wenige ganz einfache Dinge in die Hand gegeben: Brot und Wein, Öl, Wasser zum Taufen, die Handauflegung, das Wort, das ins Herz treffen kann" (Bischof Franz Kamphaus).

Die Kirche muss dorthin gehen, wo die Menschen leben und ihnen in ihren Sehnsüchten nahe sein. Das erfordert dann oft neue Formen von Gemeinde und Gemeinschaft, personale Seelsorge, Angebot einer geistlichen Heimat für die Suchenden und Gescheiterten. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Gott sorgt sich um uns, er ist unser eigentlicher Seelsorger. Die Kirche braucht daher nicht in Angst um die Zukunft zu verzweifeln: "Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben" (Lk 12,32).

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 21.06.2001

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