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Aus der Geschichte lernen

Wolfgang Leonard sprach im Bischof-Benno-Haus Schmochtitz

Zu Gast im Bischof-Benno-Haus: Wolfgang Leonard

Schmochtitz (as) -Er war überzeugter Marxist und Kommunist. Er floh vor den Nazis in die Sowjetunion und kam mit der Ulbricht-Gruppe 1945 nach Berlin zurück, um einen "demokratischen Sozialismus" im Nachkriegsdeutschland aufzubauen. Und als er merkte, dass Stalin sein System auch in der sowjetisch besetzten Zone installieren wollte, floh er -gerade 28-jährig -1948 nach Jugoslawien und später in die Bundesrepublik.

Wenn Wolfgang Leonard heute über sein Leben spricht, dann sind Liebe zur Freiheit und zur Demokratie sowie Achtung vor der Würde und Einzigartigkeit eines jeden Menschen der Kern seiner Botschaft. So auch am 2. Juli im Bischof-Benno-Haus in Schmochtitz. Leonard kam auf Einladung des Bildungshauses des Bistums Dresden-Meißen und der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.

Leonardt spricht mit einer Faszination, dass man eine Stecknadel zu Boden fallen hören kann. Die Säuberungsaktion Stalins von 1936 bis 1938, bei der nicht nur Regimegegner aus dem Weg geräumt wurden, war eines der ersten furchtbaren Erlebnisse. Aber noch immer glaubte er an die grundsätzliche gesellschaftliche Gerechtigkeit des Marxismus. Seit 1941 lebte er auf Geheiß der sowjetischen Führung in der Karaganda Kasachstans -wie viele Deutsche. Warum er damals für die Gruppe Ulbricht bestimmt wurde, weiß er bis heute nicht. Der Weg nach Deutschland war eine wahre Odyssee. "Niemand wusste, wo die Reise hingeht, und es hat auch niemand gefragt, denn unter Stalin fragte man nicht", erinnert sich Leonard.

Über Straußberg und Bruchmühle ging es nach Berlin, wo er beauftragt wurde, die zusammengebrochene Verwaltung wieder mit aufzubauen. Die Überraschung: "Ulbricht wollte zu jener Zeit keinen Zusammenschluss von Sozialdemokraten und Kommunisten." Für ihn wurde das erst zum Thema, als sich mit der CDU das bürgerliche Lager etablierte.

Leonard hat den Job als SEDGenosse wohl gern gemacht, noch immer herrschte im zerstörten Berlin Aufbruchsstimmung und die Hoffnung auf eine gerechte Gesellschaft ohne Diktatoren. Aber die Töne veränderten sich -die SED-Politik richtete sich mehr und mehr auf Moskau aus. "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" war eine sprichwörtlich gewordene Losung aus dieser Zeit.

Seit 1948 ging Jugoslawien einen von Moskau unabhängigen Weg. Leonard, inzwischen zum Hochschullehrer in einer Parteischule aufgestiegen, war fasziniert, besorgte sich Materialien, beschäftigte sich mit Alternativen. Als es eines Tages an seiner Bürotür klopfte, ertappte er sich dabei, dass er das Material versteckte -das Schlüsselerlebnis in seinem Leben: "Wenn du das jetzt schon tun musst, hast du den Bruch eigentlich schon vollzogen." Leonard flieht über die Tschechoslowakei nach Jugoslawien, arbeitet als Redakteur bei der deutschsprachigen Abteilung von Radio Belgrad und geht 1950 in die Bundesrepublik.

Aber auch hier bleibt er ein kritischer Geist. 1955 erscheint sein Polit-Klassiker "Die Revolution entlässt ihre Kinder". Er wird Redakteur, Hochschullehrer, Politikberater. Leonard entwickelt sich zum profundesten Kenner der Kommunismusgeschichte. Lange vor "Perestroika" und "Glasnost" sagte er 1984 Veränderungen in der Sowjetunion, den Kampf der Reformer gegen die Reformgegner und den Zerfall des Riesenreiches in viele Kleinstaaten voraus. Ereignisse von weltgeschichtlicher Bedeutung, die mit verblüffender Präzision so eingetreten sind.

Kurz nach der Wende kehrt er nach Ostdeutschland zurück, besucht "alte Genossen", die der DDR die Stange gehalten haben und offensichtlich auf der falschen Seite der Barrikade standen: Hermann Axen, Joachim Herrmann, Markus Wolf. Leonard hat keine Berührungsängste. Einige wollen ihn nicht sehen: "Herr Leonard, ich weiß nicht, was wir noch zu besprechen hätten", sagt Lotte Ulbricht am Telefon und hängt den Hörer auf.

Leonard tritt nicht in Siegerpose auf -wie einer, der den Ossis beibringen muss, dass es nichts Richtiges im Falschen gibt. "Ich habe selbst viele Fehler gemacht, aber wir sollten aus der Geschichte lernen -um des Menschen willen."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 28 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 08.07.2004

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